Von #BGE und fairen Löhnen

Ich habe in letzter Zeit immer mal wieder die Frage oder die Behauptung gehört, dass es altmodisch oder gar überflüssig sei für faire Löhne für Erwerbsarbeit einzutreten, wenn man ein Bedingungsloses Grundeinkommen fordere.
Und tatsächlich wurde ein Mindestlohn ja oft als ‚Übergangstechnologie‘ bis zum BGE bezeichnet. 
Je länger ich jedoch über diese Fragestellungen nachdenke desto mehr denke ich, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Das Grundeinkommen heißt ja nicht umsonst Grundeinkommen. Es ist also kein Einkommen, das sonstige Einkommen ersetzen sondern ergänzen soll. Und es soll den Leuten Würde geben und sie absichern, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen und auch Altersarmut abfedern. 
 

Ich habe ganz ehrlich ein Problem damit bei diesem Konstrukt die Konzerne und Arbeitgeber aus der Verantwortung zu entlassen Menschen für die Arbeit, die sie für sie erbringen anständig zu bezahlen. Die eher (neo)liberalen Ansätze des BGE, wie sie beispielsweise in Finnland diskutiert werden, sehen vor, dass eine eher niedrige Summe gezahlt wird um Menschen dadurch zu motivieren auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. 
 
Letztendlich heißt das aber, dass Unternehmen, die Menschen zu prekären Konditionen anstellen, noch gestärkt werden. Ergo geht es wieder nur um den Markt aber nicht primär um Menschen. Natürlich wird ein BGE, egal welches Modell, auch den Markt stärken. Menschen die Geld haben konsumieren, sie kaufen Dinge, und wer konsumiert stärkt die Wirtschaft. Aber wenn die Wirtschaft gestärkt wird müssen eben auch Konzerne und Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden, dann auch den Menschen ein angemessenes Gehalt zu bezahlen. Ein Grundeinkommen ist imo kein Gegenmodell zum Erwerbseinkommen sondern eine Ergänzung. Es ändert in erster Linie den Arbeitsbegriff aber nicht den Erwerbsbegriff. 
 
Der Arbeitsbegriff wird umgekrempelt, weil durch ein bedingungsloses Grundeinkommen Tätigkeiten aufgewertet werden, welche eben außerhalb des Lohnerwerbsmodell liegen. Ergo: Tätigkeiten die heute nicht als Arbeit behandelt werden, weil man kein Geld mit ihnen verdient. Ich denke hier beispielsweise an ehrenamtliche Arbeit, die Erziehung von Kindern oder das Pflegen von Angehörigen. 
 
Grade Alleinerziehende und pflegende Angehörige sind heute oft auf ALG2 angewiesen und werden einerseits von der Arge oder dem Jobcenter gegängelt und mit Sanktionen bedroht und sind auf der anderen Seite dann noch als „Sozialschmarotzer“ verschrien, weil sie eben die finanzielle Hilfe des Staates in Anspruch nehmen müssen und keiner Erwerbsarbeit nachgehen können.
Darüberhinaus zahlen sie nichts oder sehr wenig in die Rentenkasse ein, so dass ihnen darüber hinaus Altersarmut bevor steht. 
 
Hier setzt ein Grundeinkommen an und bietet Schutz vor Repressionen und Armut. Außerdem gibt es Menschen die Freiheit aus dem System der Erwerbsarbeit herauszutreten und eben beispielsweise einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachzugehen, sich Fortzubilden, oder, ja, auch einfach garnicht zu arbeiten. Auch wenn letzteres wohl nur bei einer Minderheit zum Dauerzustand werden würde. 
Das Grundeinkommen trägt außerdem der Tatsache Rechnung, dass der Bereich der Erwerbstätigkeit immer kleiner wird, eben weil viele Jobs durch die Technisierung und Digitalisierung wegfallen. 
Der Bereich wird also kleiner, aber er ist zunächst einmal nicht weg. Und solange Menschen in Erwerbsberufen arbeiten ist es, so meine Meinung, auch ihr Recht von den Unternehmen, denen sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, anständig entlohnt zu werden. Denn diese verdienen ja wiederum an dem Ergebnis dieser Arbeit. 
 
Ein soziales BGE kann nicht das Ziel haben einem Wirtschaftsunternehmen Arbeitskräfte zur Verfügung zur stellen, für die es nichts oder sehr wenig bezahlen muss. Dies kehrt die soziale Idee in ihr vollständiges Gegenteil. 
 
Darüber hinaus, und ich schätze da bin ich ganz Realpolitikerin, haben wir momentan noch kein BGE. Ja, die gesellschaftliche Diskussion ist in Gang gekommen, was sehr erfreulich ist und unbedingt gefördert werden muss. Aber der gesellschaftlich Konsens und das Umdenken im Arbeitsbegriff ist noch ganz am Anfang. In prekären Arbeitsverhältnissen befinden sich immer noch viel zu viele Menschen. Der Mindestlohn von 8,50€ ist ein Anfang aber noch lange nicht genug. Zumal es von Regierungsseite immer wieder Forderungen gibt den Mindestlohn zu beschneiden indem Ausnahmen geschaffen werden sollen, die von der Regelung ausgenommen sind. 
 
Insofern ist mein Fazit: Es muss weiterhin eine Doppelstrategie geben aus der Forderung nach fairen Löhnen UND dem BGE. Außerdem muss es bei dem Grundeinkommen um soziale Absicherung und Menschenwürde gehen und nicht um die Schaffung billiger Arbeitskräfte für das kapitalistische System. 
Dann ist eine Grundlage für eine gerechtere und tragfähige Gesellschaft vorhanden.

2 Gedanken zu „Von #BGE und fairen Löhnen

  1. Die Koppelung von Existenzsicherung und Erwerbsarbeit ist in hohem Grade unfair (Stichwort gemachtes Nest) und de facto heute schon hinfällig: Rente, ALG II… Was bleibt ist der moralische Zwang, dass man gefälligst Wert zu schöpfen hat, damit man mit reinem Gewissen essen und schlafen kann. Diesen (völlig überflüssigen, denn die Maschinen schöpfen bereits viel mehr Wert als wir) Zwang löst ein Grundeinkommen auf, wenn es ausreicht, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. – Und deswegen heißt es auch so. Wenn die Menschen um ihre elementare Versorgung keinen Kopf mehr zu machen brauchen, dann können sie völlig frei entscheiden, ob sie lieber für wenig/kein (Extra-)Geld etwas Vernünftiges tun, oder für viel Geld einen Drecksjob übernehmen. Attraktive Arbeitgeber profitieren vom Grundeinkommen, das ist richtig. Ihre Arbeitnehmer aber auch!

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