Von der Motivation Politik zu machen

Ich bin kein Kind des Mittelstandes.

Die Gesellschaft würde meine Eltern wohl ‚einfache Leute‘ nennen und noch bösartigere Zungen ‚bildungsfern‘. Nicht, weil sie tatsächlich ungebildet wären, sondern weil sie beide ’nur‘ auf der Hauptschule waren und keine Akademiker sind. Das liegt aber nur daran, dass ihre Eltern ihrerseits keine Akademiker waren und zu ihrer Schulzeit war es ’normal‘ dass der Nachwuchs dann eben halt auch auf die Hauptschule geht (Das sagt der Name ‚HAUPTSchule‘ ja schon), dann einen Beruf erlernt und dann arbeitet. Und vor 30 Jahren war es auch völlig im Rahmen der Möglichkeiten so eine Familie zu ernähren.

Zwar nicht auf großem Fuß zu leben aber auch nicht am absoluten Existenzminimum mit ständiger Existenzangst.

So bin ich also mit meinen 3 Geschwistern aufgewachsen.

Nein, wir haben keine weiten Flugreisen in den Urlaub gemacht. Dafür 6 Wochen auf dem Campingplatz, was aber auch 6 Wochen größtmögliche Freiheit bedeutet hat.

Wir haben keine Computer oder Fernseher etc. ‚mal eben‘ geschenkt bekommen, das wäre bei 4 Kindern finanziell sicher nicht drin gewesen. Aber wenn wir etwas Geld gespart hatten um uns so ein Gerät zu kaufen, haben unsere Eltern uns was dazu getan. So haben wir immerhin gelernt, dass Dinge einen Wert haben.

Mit der Zeit jedoch ist Vollbeschäftigung eine Illusion geworden. Und Jobs für Menschen, die ’nur‘ einen Hauptschulabschluss haben, sind rar geworden und die Löhne dafür reichen kaum noch zum Leben. Geschweige denn um eine Familie anständig zu ernähren. Darüber hinaus dachte sich die damalige Bundesregierung unter Schröder die Agenda 2010 aus.

Gleichzeitig galten Menschen mit weniger hohem Bildungsstand nun als faul, weil sie es nicht so weit gebracht hatten und arbeitslose Menschen als Drückeberger und Sozialschmarotzer. Vielleicht, weil die (deutsche) Gesellschaft – dank Wirtschaftswunder – Arbeitslosigkeit lange einfach nicht wirklich gekannt hatte? Auf alle Fälle wurden durch Aussagen wie „Nur wer arbeitet soll auch essen“ von Müntefering und hämische Berichte über Kuriositäten wie „Florida-Rolf“ das gesellschaftliche Misstrauen und die Spaltung vorangetrieben.

Als ich 19 oder 20 war und kurz vorm Abitur stand, da füllte ich meinen ersten ALG2 Antrag aus. Papa war arbeitslos geworden und ich lebte als über 18-jährige im Haushalt.

Nun war ich also auch eine dieser Sozialschmarotzerinnen.

Immerhin: Papa, damals Ende 40, fand wieder einen Job.

Der endgültige soziale Abstieg war noch einmal abgewendet.

Aber die Dinge hatten sich geändert. Der 40 Stunden Vollzeitjob reichte nicht mehr um sich Zahnersatz leisten zu können. Und das, obwohl 2 der 4 Kinder längst aus dem Haus waren. Und Mama mit Minijob die Haushaltskasse aufbesserte. Das Lohnniveau war gesunken. Die Lage war unsicherer geworden.

*beam in die Jetztzeit*

Papa, nun Ende 50, hat seinen Job verloren. Unter anderem, weil er sich gegen schlechte, ungesunde Arbeitsbedingungen gewehrt hat. Außerdem musste er sich einer Bypass OP unterziehen und kann nicht mehr schwer heben. Ein Arbeitsleben, das mit 15 Jahren begann, hat seine Spuren hinterlassen.

Das Arbeitsamt schickt ihn in einen Bewerbungskurs, wo er mit Leuten in seinem Alter lernt Bewerbungen zu schreiben. Bewerbungen für einen Arbeitsmarkt, der keine Verwendung mehr für Leute wie sie hat. Aber die Arbeitslosenstatistik sieht so schöner aus.

Wenn 2 Jahre Arbeitslosigkeit rum sind, wird er in ALG2 rutschen. Dann wird man ihm seine ohnehin eher hypothetische private Altersvorsorge nehmen, weil er kein Vermögen haben darf.

Außer er wird in dieser Zeit krank und der Arzt schreibt ihn krank. Was bei einem herzkranken Diabetiker ja nicht allzu unwahrscheinlich ist.

Dann rutscht er direkt in Hartz4 und nicht erst in 2 Jahren.

Irgendwann, nach ein paar Jahren am Existenzminimum auf Hartz4 wird man ihn dann vermutlich frühzeitig verrenten.

Was meinen Eltern dann bleiben wird ist Altersarmut.

Das mit anzusehen macht mich als Tochter wütend. Und hilflos. Das haben meine Eltern einfach nicht verdient. Und es ist ein Hauptgrund warum ich politisch aktiv bin.

Denn diese Abwärtsspirale betrifft ja nicht nur meine Eltern. Sie betrifft viele Menschen, deren Arbeitsplätze abgebaut werden, die zu alt sind um im hart umkämpften Arbeitsmarkt noch einen Job zu finden, deren Gesundheit nicht bis 67 mitmacht.

Unser Sozialsystem und Rentensystem ist darauf ausgelegt, dass Menschen durchgängig von der Ausbildung bis zur Rente einen gut bezahlten Vollzeitjob haben. Dies ist aber heute schon eine Illusion. Vollbeschäftigung gibt es nicht mehr. Und wer einen Job hat, der kann nicht automatisch davon leben.

Geschuldet ist das der Digitalisierung und Automatisierung, die viele von Menschen gemachte Jobs überflüssig macht.

Sollen wir deshalb auf technischen Fortschritt verzichten? Ich halte das für den falschen Schluss.

Er fußt auf die Vorstellung, dass der Mensch nur durch einen Erwerbsjob etwas wert ist. Dabei gibt es auch 1000 andere Arten der Arbeit, der Beschäftigung, des Einbringens in die Gesellschaft. Wobei ich mal grundsätzlich in Frage stelle, dass ein Mensch nur etwas wert ist, wenn er etwas für die Gesellschaft tut. Im Gegenteil. Das ist eine gefährliche Denkweise.

Deshalb bin ich auch eine Befürworterin eines bedingungslosen Grundeinkommens. (Was ich ja schon an anderen Stellen im Blog geschrieben habe)

Oft verstören mich Diskussionen, bei denen es um reine Begrifflichkeiten geht. Ob man Menschen, die keine Perspektive haben, ‚Arbeiterklasse‘, ‚Unterschicht‘ oder ‚Abgehängtes Präkariat‘ nennt, kann man lange diskutieren, ist aber müßig.

Einige werden mich dafür hassen, aber Arbeiterklasse ist ein Begriff den ich nicht mehr wirklich für realistisch halte. Da es für Menschen wie meinen Papa keine Arbeit mehr geben wird.

‚Abgehängtes Präkariat‘ beschreibt die tatsächliche Situation zwar passend, ist aber ein Euphemismus.

‚Unterschicht‘, so traurig es ist, ist für die derzeitige Situation in meinen Augen tatsächlich am passendsten. Er beschönigt nichts. Denn so ist es: Den betroffenen Leuten wird jegliche soziale Sicherheit genommen. Sie werden vom Staat mit Repressionen bedrängt und für ihre ‚Nutzlosigkeit‘ im System bestraft und sind in einer (im derzeitigen System) unaufhaltsamen Abwärtsspirale gefangen.

Aber klar. Unterschicht ist kein Begriff, mit dem wir uns abfinden sollten.

Ich wünsche mir eine progressive Sozial- und Gesellschaftspolitik. Eine Politik, die mit einbezieht, dass es keine Vollbeschäftigung mehr geben wird und sich nicht nur auf Placebos wie eine geforderte 30 oder 35 Stundenwoche stützt. Eine Politik, die für die jetzige abgehängte ‚Unterschicht‘ neue Perspektiven und Sicherheiten und damit auf neue Begriffe findet, die dann passend sind.

Damit auch Menschen wie meine Eltern eine bessere Perspektive als nur die Repression durch den Staat und die Armut jetzt und im Alter haben.

Das ist momentan der Hauptantrieb für mich politisch aktiv sein zu wollen, auch wenn ich immer noch nach einem richtigen Platz dafür suche.

Ich war grade wegen solcher Positionen auch noch lange bei den Piraten, aber diese sind aus vielerlei Gründen kein Ort mehr für mich. Und ich sehe, dass sich bei den Linken auch einige Menschen mit progressiver Sozialpolitik und dem BGE beschäftigen aber sehe da auch noch nicht wirklich Mehrheiten dafür. Wo also einsteigen. Das weiß ich noch nicht.

Ich weiß nur: So wie es ist kann es nicht bleiben. Um meiner Eltern willen. Um meiner selbst willen. Und um der Gesellschaft willen.

PS: Über Kommentare im Blog, die meine (subjektiven) Gedanken aufgreifen und ergänzen freue ich mich wie immer sehr!

7 Gedanken zu „Von der Motivation Politik zu machen

  1. Dieser Blogbeitrag gibt mir Hoffnung, denn er zeigt mir, dass es doch noch Menschen mit Empathie und Gerechtigkeitssinn gibt. Um deren Anzahl scheint es momentan nicht besonders gut gestellt zu sein.

    Wäre deine Einstellung eine andere, wen dein Lebensweg ein anderer gewesen wäre, wenn du nicht das Beispiel deiner Eltern vor Augen gehabt hättest?

    Ich träume seit meiner Jugend von einer gerechteren Welt. Dazu trugen neben der Erziehung durch meine Eltern auch das Aufwachsen in der DDR bei. Die DDR war der Versuch einer Alternative, der schon weit vor Gründung der DDR zum Scheitern verurteilt war. Das erkannte ich aber erst viel später.

    Mir ist unverständlich, weshalb wir die Chancen die unsere moderne Industriegesellschaft bietet nicht für alle Menschen gleichermaßen nutzen können. Die Maschinenstürmerei des 19.Jahrhunderts vermochte den technischen Fortschritt nicht aufhalten und das ist auch gut so, denn unser Schöpfergeist könnte das menschenwürdige Leben aller Menschen bewirken. Mit allen Menschen meine ich auch alle Menschen, egal welcher Nation sie angehören und wo sie leben.

    Das Problem der weniger werdenden Arbeit ist nicht wirklich ein Problem sondern eine Chance. Es gäbe uns die Möglichkeit uns anderen Dingen zu widmen, wenn wir Ein- und Auskommen von der Arbeit lösen würden. Beschäftigungen gibt es sicherlich genügend, man denke nur einmal an die permanente Unterbesetzung in sozialen Bereichen.

  2. Danke für deinen ehrlichen Bericht. Die Zunahme des Existenzdrucks und Hartz4-Stigmatisierung kotzt mich seit langem total an. Hinzu kommt die ungerechte Verteilung des vorhandenen Reichtums und die soziale Schere, die immer weiter auseinanderklafft.

    Diesen Druck merken viele – was mir Angst macht, ist dass viele es offenbar einfacher finden Flüchtlinge etc für ihre sozialen und finanziellen Probleme verantwortlich zu machen, anstatt die Ursachen und Mechanismen mal komplett zu hinterfragen.

  3. Ergänzend und weiterführend (oder jedenfalls so gemeint):

    „Gleichzeitig galten Menschen mit weniger hohem Bildungsstand nun als faul, weil sie es nicht so weit gebracht hatten und arbeitslose Menschen als Drückeberger und Sozialschmarotzer. Vielleicht, weil die (deutsche) Gesellschaft – dank Wirtschaftswunder – Arbeitslosigkeit lange einfach nicht wirklich gekannt hatte?“

    Nein, sondern der Grund war eine massiv hetzerische Rhetorik, dokumentiert zum Beispiel hier von Andreas Kemper:
    https://andreaskemper.org/2011/12/07/klassismus-von-deutschen-politikern/

    Über die Diskriminierung Erwerbsloser hatte ich auch mal einige Diskussionsgrundlagen zusammengetragen:
    https://jobcenteraktivistin.wordpress.com/2016/06/02/diskriminierung-agenda-2010/

    Ich finde den Begriff „Unterschicht“ hoch problematisch, weil er eben kein neutral beschreibender Begriff ist, sondern viele diskriminierende Zuschreibungen transportiert.

    Und ich sehe es auch nicht so, daß es (bloß) zu wenig Arbeit gibt wegen Maschinen und Digitalisierung, sondern es wird zu wenig Geld lockergemacht für die Bedürfnisse der Menschen, und diejenigen, die Arbeit haben, werden ausgepreßt bis zum get-no.

    Beispiele: Pflegekräfte, ErzieherInnen, der gesamte öffentliche Dienst, öffentlicher Wohnungsbau, Schulen und Unis, etc. etc. etc. etc.

  4. Ich stimme deiner Meinung, die ich mitunter per Retweet/Reply in die Timeline bekomme, nicht immer zu, vor allem nicht der Art wie sie kommuniziert wird, trotzdem großen Respekt für dein Engagement an allen Fronten. Den Einblick in deinen Background fand ich zum einen sehr mutig, scheint es doch heutzutage fast ein Stigma zu sein nicht einer Akademikerfamilie zu entspringen, zum anderen wichtig, weil es deine Motivation sehr eindrucksvoll manifestiert.

    Ich bin auch ein Freund des BGE, es ist sicherlich auch ein gutes Mittel zB um Armut zu bekämpfen, ob es aber ein Weg ist die Schere zu schließen glaube ich nicht. Die Entwertung von Arbeit lässt sich damit nicht aufhalten, und die Besitz-Anhäufung von Wenigen auch nicht.

    1. Man muss ja nicht zwingend immer einer Meinung sein, dann gäbe es ja gar keinen Platz für gut Diskussionen 🙂
      Zumal ich ja nicht den Anspruch erhebe die eine, große Wahrheit zu besitzen. Twitter ist eben Twitter, da ist vieles verkürzt, vieles überspitzt und vieles kommt auch extremer rüber, als es bei differenzierter Darlegung dann tatsächlich wäre.
      Ich gebe dir natürlich recht: Ein BGE ist nicht das Ende der Fahnenstange. Es ist nicht ‚die Lösung‘ und dann wird automatisch alles gut. Der Kapitalismus und das Streben Vermögen anzuhäufen ist ja nicht weg. Deshalb wäre es eine Teillösung, ein wichtiger Schritt. Aber eher der Anfang einer Entwicklung als das Ende.

  5. Ich habe gerade nach aktuelleren Zahlen gesucht, aber das kann eh keiner so richtig erfassen:

    „[…] die oberen zehn Prozent der Haushalte im Jahr 2013 über 51,9 Prozent des Nettovermögens […]“

    „Demnach verfügten die unteren 50 Prozent der Haushalte 2013 über ein Prozent des Nettovermögens in Deutschland […]“

    „Zuletzt hatte eine Studie der Hilfsorganisation Oxfam für Aufsehen gesorgt, wonach die 62 reichsten Menschen der Welt so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.“

    Ich hab 2013 im Bundestagswahlkampf versucht, das anschaulich zu machen: Bestünde die deutsche Bevölkerung aus 10 Leuten und das Vermögen aus einem BigMac Menü, bekäme einer den BigMac, vier teilten sich Fritten und Cola und die anderen fünf müssen mit der einen runtergefallenen Fritte auskommen.

    Das ist die aktuelle Lage. Und das ist doch die wahre Ungerechtigkeit. Dazu kommt: Das Zins-System macht Reiche reicher und Arme ärmer. Es spreizt die soziale Schere. Und solange man die Problematik nicht an der Wurzel packt und löst, verschärft sie sich.

    Was nun? Ich glaube, Bildung ist ein ganz wichtiger Punkt, damit mehr Leute begreifen, wie das System funktioniert und wie man es ändern muss. Damit sie sich nicht weiter von Populisten verdummen lassen. Damit sie wieder hoffen können, dass man was ändern kann.

    Wie? Da hat jeder offenbar seine eigenen Vorstellungen. Grundsätzlich glaube ich, dass das linke Parteispektrum (Linke, Grüne, Piraten, evtl. noch Teile der SPD) versucht, die Lage für die Mehrheit zu verbessern. Statt aber da an einem Strang zu ziehen, wird sich gegenseitig bis aufs Blut bekämpft, obwohl die Unterschiede oft nur marginal sind. Was dazu führt, dass sich nichts ändert und die Vermögenden sich darüber kaputtlachen, wie dumm wir uns anstellen.

    Wo einsteigen? Ich weiss es auch nicht. Noch eine linke Partei gründen und das linke Spektrum noch mehr zersplittern? Wohl kaum. Ich glaube, am ehesten hilft Aufklärung vor Ort: Mit Bildern, die komplizierte Sachverhalte ehrlich vereinfachen, um sie leichter zu erfassen, so wie das BigMac Menü. Und Leute motivieren, sich für irgendwas einzusetzen, ob es die Ortsfeuerwehr oder überregionale oder internationale Themen sind. Jedenfalls was, wofür sie brennen.

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