Von Mobbing und Victimblaming

Es zerreißt mir dieser Tage wieder das Herz, wenn ich manche Medien lese.
Da wird darüber geschrieben, dass ein junger Mann, der zum Amokläufer wurde, gemobbt wurde und sich daraufhin so in einen Hass hinein gesteigert hat, dass er schließlich Menschen erschossen hat.

Diese Tat war schrecklich. Sie und die Reaktionen darauf haben mich ziemlich traurig gemacht.
Aber einige Schlussfolgerungen, die in manchen Berichten durchklingen, finde ich auch beängstigend.
Dieser Unterton, der sagt, dass Mobbingopfer gefährlich sind. Dass sie potentielle Mörder sind.

Vielleicht lese ich das ja auch nur so zwischen den Zeilen, weil ich selber zu Schulzeiten unter Mobbing gelitten habe.
Aber mir scheint, da liegt, wie so oft bei dem Thema, ein ganz, ganz großes Missverständnis über Mobbing vor.

Nämlich dass Menschen, die gemobbt werden, selbst Schuld sind. Ob nun am Mobbing selbst oder den daraus resultierenden Ausnahmezuständen in der Seele.

Nein, nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt einen Amoklauf und nichts rechtfertigt es, Menschen zu töten.

Aber dieses nun wieder im raumstehende Victimblaming was auf alle anderen Menschen, die gemobbt werden und wurden und darunter leiden, ausgedehnt wird, das macht mich unendlich traurig.

Mobbing in der Schule, das bedeutet meist du wirst ausgegrenzt, beleidigt, jeden Tag, ohne Aussicht dieser Situation entkommen zu können.

Und wenn du Hilfe bei Lehrer_innen suchst, dann hieß es zumindest zu meiner Zeit noch, dass du dich eben mal anpassen sollst. Weil dein Verhalten die Leute ja zum weitermachen provozierst. Oder eben, dass du auch die Beleidigungen an dir abprallen lassen sollst. Dass du dir ein dickes Fell zulegen sollst.

Ich hoffe inständig das ist heute, 15 Jahre später, anders. Aber nachdem was ich heute von jungen Leuten höre, reagieren viele Lehrer_innen in den Schulen noch genauso hilflos.

Menschen, die gemobbt werden, wird ganz, ganz oft die Schuld dafür gegeben, dass sie von anderen Menschen fertig gemacht werden.
Dann wird nach dem ‚Auslöser‘ gesucht und erwartet, dass der oder die Gemobbte diese abstellt. Ein Verhalten, dass nicht konform ist? Ein Kleidungstil, der nicht dem Mainstream entspricht? Hobbys, die als ‚uncool‘ gelten?
Soll das Opfer dieses doch ändern, dann hat es Ruhe. Selbst Schuld.

Dabei ist diese Erwartungshaltung schlimm und verwerflich. Sie gibt dem Opfer die Schuld an dem eigenen Leid. Und sie zwingt es dann noch in gesellschaftliche Normen, die vielleicht mal grundsätzlich zu hinterfragen wären.

Mobbing ist meiner Meinung nach auch mehr als nur ein Reaktion auf etwas. Die gemobbte Person ist allenfalls ein Kristallisationspunkt für ungesunde Machtstrukturen in einer Gruppe. Denn schauen wir uns diese an, so findet man oft Ähnlichkeiten.

Da gibt es oft eine_n Rädelsführer_in, der/die besonders dominant auftritt. Und dann einen Kreis um ihn/sie herum, die das Mobbing mitmachen. Oft in der Form, dass sie mobben und sich besonders hervor tun und sich bei dem/der Rädelsführer_in rückversichern, dass sie tolle Hechte sind.
Und dann gibt es die schweigende Mehrheit. Einige, die vielleicht mit lachen. Und andere, die nichts sagen um nicht in die Schusslinie zu geraten.

Kurz: Es herrscht allgemein ein Klima der Angst. Der Rückversicherung, ob man selber cool ist, des Mitmachens, um nicht aus der Rolle und der Norm zu fallen. Dazu kommt, dass ich oft erlebt habe, dass die Anführer_innen auch nur eine selbstbewusste Fassade hatten und beispielsweise vom Elternhaus großen Druck bekamen.

Natürlich rechtfertigt Druck niemals Mobbing. Aber es handelt sich zumindest bei Mobbing in Schulen ja um Kinder und Jugendliche, die in der Entwicklung sind. Gesellschaftliche Zwänge und Druck von den Eltern können dazu beitragen. Und ich bin sicher es lohnt sich nach diesen Ursachen zu suchen um solche ungesunden Machtstrukturen in einer Gruppe oder Klasse aufzulösen.

Dies funktioniert aber nur, wenn auch Lehrer_innen dementsprechend geschult sind und Schulpsycholog_innen vorhanden sind.

Was aber nie, niemals, nicht geht, aber viel zu oft passiert, ist das Opfer einer Mobbingsituation für seine eigene Lage verantwortlich zu machen.
Jemandem, der/die gemobbt wird, zuraten er oder sie solle sich halt ein dickes Fell zulegen.

Ich bin keine Psychologin, aber ich habe es selbst erlebt.

Wenn du über Tage und Monate in einer Situation bist, in der du jeden Tag beleidigt wirst. In der du von anderen bei Lehrer_innen angeschwärzt wirst, für Dinge die du nicht getan hast. Wenn du jeden Tag in diese Situation hinein musst ohne Aussicht auf Besserung und ohne Beistand.

Dann legst du dir kein dickes Fell zu. Dann liegt deine Seele offen da und erzittert unter den Schlägen.

Das löst Schäden aus, die manchmal nach Jahren verheilt sind. Und manchmal führen sie zu schlimmen Krankheiten, die Menschen über Jahre einschränken. Oder sie manchmal auch unfassbare Dinge tun lässt. Das kommt halt immer auf die Person und die Umstände an.

Aber man legt sich kein dickes Fell zu. Das funktioniert doch gar nicht, wenn jeder zarte Anflug von Flaum jeden Tag aufs neue weggerissen wird.

Medien, Menschen, Eltern, Lehrer_innen tut so etwas nicht.
Helft den Kindern und Jugendlichen, die gemobbt werden. Nehmt sie ernst. Macht sie nicht für ihre Situation verantwortlich. Niemand sucht sich aus beleidigt, geschnitten und terrorisiert zu werden.
Wenn wir irgendwann über diese Form von Victimblaming hinaus kommen, dann wäre schon viel getan.

Ein Gedanke zu „Von Mobbing und Victimblaming

  1. Mit großem Interesse las ich diesen lesenswerten und eindrucksvollen Blog. Insbesondere der Aspekt der Schuldumkehr sollte ganz besonders beachtet werden. Nur weil jemand anders als alle anderen ist, gibt dies niemanden das Recht diesen zu mobben.

    Vergewaltigungsopfer sind auch nicht selbst Schuld, nur weil ihr Outfit nicht völlig zugeknöpft ist. Die Konsequenz daraus würde bedeuten, alle Frauen müssen verschleiert herum laufen. Nein Danke – das würde mir missfallen.

    Schlimm ist es, wenn Mobbing Opfer kein Gehör bei Lehrer_innen und Erzieher_innen finden. Hoffentlich haben sie wenigstens Rückhalt in der Familie. Das gibt es leider auch.

    Vielen Dank.

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