Diversity und Politik

Ich quengelte jüngst auf Twitter etwas über die zum Teil sehr männlichen Landeslisten von Parteien zu den kommenden Wahlen.
Natürlich bekam ich einige Antworten, dass halt viele Frauen nicht kandidieren wollen und man sie ja nun mal nicht zwingen kann. Stimmt, natürlich kann man niemanden zwingen.

Andererseits sollte man darüber nachdenken, warum es offenbar für Frauen unattraktiver ist parteipolitisch aktiv zu sein oder gar für Parlamente zu kandidieren.

Einige Gründe findet man sicherlich in der Vereinbarkeit von Politik (Ob nun als Ehrenamt oder als Beruf) und Familie. Hier gibt es immer noch große Unterschiede. Schön zu sehen war das in der Diskussion um den Nachwuchs von Vizekanzler Gabriel und Ministerin Schwesig.
Während Herr Gabriel in den Medien für seine ‚offensive Vaterschaft‘ gelobt wurde, obwohl es nur darum ging, dass er mal einen Tag daheim blieb als das Kind krank war und es auch mal vom Kindergarten abholen wollte. Niemand hätte seine Fähigkeiten im Bundeskabinett in Frage gestellt. Bei Ministerin Schwesig gab es dafür in der Presse offene Spekulationen, ob sie denn als Frau mit Säugling noch als Ministerin geeignet sei.
Das ist zwar ein Beispiel aus der aller obersten Liga, aber anderswo läuft’s ja nicht anders.

Ein anderes ist verbreiteter Sexismus in der Politik, der einem als Frau fast unweigerlich entgegen schlägt und der viele abschrecken dürfte.
Hier wäre es eben auch wichtig, wenn innerhalb von Parteien und politischen Gruppen ganz klar ist „Wir wissen, dass unsere weiblichen Parteigenossinnen oft unangebrachte Sprüche hören müssen und wir sind nicht bereit solche Dinge zu entschuldigen.“
Betretenes Schweigen von männlicher Seite oder die Aufforderung Anwürfe eben zu ignorieren sind nicht hilfreich und Ignorieren funktioniert eben auch nur eine begrenzte Zeit.
So wäre Solidarität und eine klare Positionierung schon ein großer Fortschritt.

Aber wie gesagt. Natürlich kann man keinen Menschen, unabhängig vom Geschlecht, zwingen für Ämter und Mandate zu kandidieren. Und Quoten sind da ein Hilfsmittel über das man lang und breit streiten kann.

Wenn wenige oder keine Frauen in den Vorständen der Parteien sind und es ebenso bei den Kandidaturen um Mandate aussieht, geht aber eben auch eine Perspektive verloren. Denn es wäre zwar schön, wenn Geschlechter völlig gleichberechtigt wären und auch die gleiche Perspektive auf die Gesellschaft hätten, aber dem ist nicht so. Und insofern fehlt dann ein Blickwinkel.

Das gilt übrigens auch für andere Gruppen in der Bevölkerung. Menschen mit Migrationshintergrund. Menschen mit Behinderung. Menschen, die keinen akademischen Grad haben. Queere Menschen. All sie sind in den Parlamenten noch wenig präsent.
Wenn ich da an Diskussionen aus 2012 denke, als Menschen empört waren, dass der Plenarsaal im Landtag NRW („VON UNSEREN STEUERGELDERN!!11!!!“) umgebaut werden musste, weil es nun auf den Rollstuhl angewiesene Abgeordnete gab. Oder die aktuelle Debatte, in der Martin Schulz abgesprochen wird ein guter Minister zu sein, weil er kein Abitur hat. Ich bin der Meinung, man kann über seine politischen Positionen streiten, aber warum genau sollten Menschen ohne Abitur noch mal von der Politik ausgeschlossen sein? Auch hier fehlt ein Blickwinkel auf die Gesellschaft, wenn ausschließlich Mittel- und Oberklasseakademiker in den Parlamenten sitzen.

Deshalb – um es eben nicht nur auf den Bereich ‚Mann – Frau‘ zu beziehen – finde ich es wichtig, dass Politik diverser wird. Dass Parlamente einen besseren Querschnitt durch die Gesellschaft abbilden.
Es gehen wichtige Blickwinkel und Stimmen verloren, die so nicht oder weniger in Gesetzesvorhaben und Politik einfließen.

Aber dafür muss man Menschen eben auch fördern und ermutigen. Empowerment nennt man das glaub ich. Ihnen ein Umfeld schaffen, in dem sie sich trauen hervorzutreten und sich bspw. zur Wahl zu stellen. Und ihnen die Sicherheit geben, dass die Partei (welche auch immer, das gilt für alle!) hinter ihnen steht, wenn es zu Angriffen von außen kommt.

Dann gibt es vielleicht in der Politik mehr Diversität, mehr Blickwinkel und vielleicht mehr progressive Ansätze.

4 Gedanken zu „Diversity und Politik

  1. Empowerment ist wichtig. Ebenso wichtig ist es, Menschen, die nicht weißmännlichakademischnichtbehindert sind UND sich den Zirkus bereits antun, nicht wieder herauszumobben durch Vorenthalten der notwendigen Bedingungen. Das gibt es nämlich auch nicht so selten.

    Und der Rückzug liegt dann natürlich (!) nicht an den ständig zu erkämpfenden, zu verteidigenden, zu begründenden Bedingungen bzw. die daraus entstandene Müdigkeit/Kraftlosigkeit, sondern „ist bei denen eben so“. Da muss man sich dann halt abfinden.

    1. Ja, ganz genau.
      Ich bin ja selber mal aus einer Partei ausgetreten und habe vorher oft gehört „die (innerparteilichen) Deppen musste halt ignorieren, wenn die keine Aufmerksamkeit kriegen geben sie Ruhe“. Aber sie gaben keine Ruhe. Und irgendwann bin ich halt gegangen.

  2. Ich habe derzeit massive Schwierigkeiten mit „Empowerment“. Kann Menschen mit „meiner“ Variante nichtweißmännlichakademischnichtbehindert nämlich absolut nicht guten Gewissens empfehlen, sich den Scheiß anzutun. Merke ja selbst, wie kaputt mich das gemacht hat und noch macht.

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