Gesellschaft 4.0 oder: ’nen paar Gedanken.

Wahrscheinlich bin ich nicht die richtige. Ich bin weder Politikwissenschaftlerin, noch Sozialwissenschaftlerin und VWL hatte ich nur in der Berufsschule.
Als Nicht-Akademiker haste in den großen Fragen nicht mitzureden.
Allerdings rede ich so gern mit.

So. Ich höre viel über Industrie 4.0 und über Arbeit 4.0.
Industrie verändert sich. Arbeit verändert sich. Das alles ist technischer Fortschritt und unheimlich spannend.
Und ich finde es auch wichtig darüber zu diskutieren, warum es so viele Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen gibt.
Mir scheint, die gibt es, weil es keine Lösung für die Folgen von Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 gibt.
Es wird weniger Erwerbsarbeitsplätze geben. Aber diesen Trend gibt es ja nun auch schon solange ich denken kann. Und ich wandele nun ja auch schon 31 Jahre auf unserer schönen Erde. Gut, 3D Drucker gab’s damals noch nicht.

Die Frage ist aber doch: Wie geht die Gesellschaft damit um, dass es keine Vollbeschäftigung mehr gibt?

Momentan sieht unser Sozial- und Rentenmodell so aus: Du arbeitest 45+ Jahre Vollzeit und ohne Unterbrechung in einem anständig bezahlten Job und legst nebenbei noch Geld in einer privaten Altersvorsorge an und möglichst baust du noch ein Haus.

In der Realität ist’s aber stattdessen so: Nach dem Studium hangeln wir uns durch Zeitverträge oder nach der Ausbildung durch miesbezahlte Jobs. Wir halten uns einigermaßen über Wasser, aber nur solange kein Inverstor die Firma aufkauft in der wir arbeiten. Wir sollen flexibel sein, wir sollen uns nicht örtlich festlegen und dann wird uns vorgeworfen, wenn wir keine Kinder kriegen und keine Häuser bauen.

Die Reiselust und weltgewandheit, die man meiner Generation nachsagt können wir uns nicht leisten, oder halt pauschal. Oder in der billigsten Absteige. Wobei die ja immer noch besser ist, als daheim zu bleiben. Denn die Welt wollen wir ja tatsächlich sehen.
Viele von uns sind ja durchaus eher Europäer denn Deutsche.

Bleibt die Frage: Was geschieht mit meiner Generation und den folgenden? Wird es unser Lebensziel sein weiterhin bis 67 bzw. 73 oder 75 zu arbeiten? Um uns dann irgendwann, wenn wir zu alt sind um es wirklich genießen zu können, im Winter noch die Heizkosten leisten zu können? Oder hat der Klimawandel bis dahin das Problem gelöst?

Muss das weiterhin das Lebensziel unserer Gesellschaft sein zu arbeiten, sich durchzuhangeln, in gnadenloser Konkurrenz um weniger werdende Erwerbsarbeitsplätze auf ein Ziel in ferner Zukunft hin, in der wir dann unseren ‚Lebensabend‘ endlich, genießen dürfen? Nach einem Leben in dem Arbeit der Hauptinhalt und das Hauptziel war?

Wäre es nicht klüger eine gesellschaftliche Vision zu schaffen, in der Kreislauf durchbrochen wird? Gesellschaft 4.0 in der Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 ihren Platz haben aber eben auch Leben 4.0?
In der Menschen vielleicht nicht auf die gnadenlose Konkurrenz um Arbeitsplätze angewiesen sind, weil die Zukunft auch so abgesichert ist?

Natürlich könnte ich jetzt sagen „Ja, Revolution! Umsturz! Kommunismus einführen!“ aber irgendwie schlägt da mein Realismus den Idealismus.
Aber ich kann mir die Transformation der Gesellschaft, die Evolution der Gesellschaft in etwas besseres vorstellen.

Da komme ich wieder zu meinem Lieblingsthema dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Wäre ein Anfang. Wäre natürlich nicht die Lösung für alles. Würde aber zumindest den derzeitigen Begriff der Arbeit als Lebenssinn und wertstiftend chrashen.

Aber ein BGE national einzuführen wäre wohl auch zu kurzgedacht. Im Allgemeinen sehe ich nicht den Sinn von rein nationalen Lösungen für Probleme, die vor Ländergrenzen nicht halt machen.

Eines ist ja auch klar: Die Zeit für „Uh, schwieriges Thema, da müssen wir mal abwarten und irgendwann tut sich sicher was!“ haben wir auch nicht. Die Spaltung von Gesellschaft, die offene soziale Schere und eine rasende Entsolidarisierung untereinander sind schon da. Jetzt. Die Aussicht auf nicht änderbare Altersarmut auch.

Wir müssen dringend anfangen zu überlegen, wie es anders und besser werden kann.

Soviel mein Gedankengang für heute. Mag wer mitmachen?

(Nette Kommentare und weitergesponnene Gedanken wie immer ausdrücklich erwünscht)

Ein Gedanke zu „Gesellschaft 4.0 oder: ’nen paar Gedanken.

  1. 
    Ein paar Worte möchte ich jetzt auch hierzu schreiben, denn ich finde es wichtig, dass sich auch normale Menschen in die Politik einbringen. Unsere gewählten Volksvertreter sollten das Volk repräsentieren. Wenn man jedoch die MdBs betrachtet, scheint unser Volk zumeist aus mittel- bis alten Männern mit Juraabschluss zu bestehen.       

    Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Deswegen zweifle ich an, dass jemand der schon 2-3 Jahrzehnte hauptamtlich Politik macht, überhaupt noch das normale Leben derer kennt, für die man angeblich in der Politik streitet. Das gilt ausnahmslos für alle Parteien und deren Vertreter. Wer schon etliche Jahre im Geschäft ist, wird zumeist von der Betriebsblindheit  erfasst. Die Grünen verabschiedeten sich leider auch irgendwann vom Rotationsprinzip.
    Die Entwicklung der Menschheit ist gekennzeichnet von einem permanenten Wandel der Produktionsverhältnisse. Dieses bedingte stets auch den Wandel der Gesellschaft.

    In der Anfangszeit als die Menschheit sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht betrieben, wurden nahezu alle Arbeitskräfte hierfür benötigt. Mit steigenden Erträgen wurde die Spezialisierung möglich, es entstanden viele andere Berufe, die gleichermaßen wichtig sind. Dieser Prozess scheint unaufhörlich zu sein und er setzt sich im Kapitalismus ebenfalls permanent fort.  
                                                          
    Frage: Was ist Vollbeschäftigung?
    Sind es 6 Tage/Woche zu 12 Stunden
    oder 5 Tage/Woche zu 8 Stunden
    oder 4 Tage/Woche zu 6 Stunden?
    Ich glaube, man sollte sich nicht zu sehr an dem Begriff der Vollbeschäftigung festhalten.                      
                                      
    Prekäre Beschäftigungen ist kein Phänomen unserer Zeit. Das Grundprinzip des Kapitalismus ist, die Beschäftigten so gering wie möglich zu entlohnen. Wer frei von Produktionsmitteln ist, kann in der kapitalistischen Wirtschaft seinen Ausbeuter frei wählen. So frei ist er natürlich nicht, denn er unterliegt dem Zwang sich versorgen zu müssen, bzw. wird vom Jobcenter gezwungen. Diesem Zwang gehorchend bleibt dem doppelt freien Lohnarbeiter nichts anderes übrig, seine Arbeitskraft weit unter Wert zu verkaufen. Ein Überangebot an Arbeitskräften sorgt für eine gute Verhandlungsposition des Kapitalisten.

    In der jüngeren Vergangenheit wurde behauptet, der Klassenkampf hätte sich überholt. In der Tat schien es in der alten Bundesrepublik, vor der deutschen Wiedervereinigung, so zu sein. Mit dem Zerfall der sozialistischen Staatengemeinschaft und der Einverleibung der DDR wurden nicht nur dort soziale Errungenschaften abgebaut, auch in der BRD begann der sich bis jetzt fortsetzende Sozialabbau, zu dem cDU, cSU, sPD, Grüne und FDP gleichermaßen ihr Scherflein beitrugen.

    Momentan sehe ich keine politische Kraft, die eine Änderung der Politik wirklich herbeiführen kann. Der Traum von #r2g wird wohl ein Traum bleiben, wenn man sich die drei Parteien hierfür betrachtet. In der sPD und bei den Grünen sind, so hoffe ich, ganz bestimmt auch linke Kräfte vertreten, aber diese Stimmen sind kaum wahrzunehmen. Die Linke ist saft- und kraftlos und vermittelt nicht den Eindruck wirklich progressiv zu sein. Zu sehr hängt sie an alten Konzepten und kann sich nicht auf den gewandelten Kapitalismus einstellen. Auf Marx/Engels aufbauend kann man gut das Wesen und das Wirken des Kapitalismus erklären, aber für den Weg zur Überwindung der Klassengesellschaft gibt es kein Navi. Hierbei muss man ständig die Entwicklung beobachten und die Wegverhältnisse berücksichtigen, ohne das grobe Ziel aus den Augen zu verlieren. Momentan scheint man nicht einmal ein Zwischenziel ins Auge gefasst zu haben.

    Revolutionen bringen immer nur neue Ungerechtigkeiten mit sich. Mit Gewalt errungenes muss mit Gewalt verteidigt werden. Das war immer das große Problem der Revolutionäre wie Lenin oder Castro. Deswegen halte ich nur eine evolutionäre Entwicklung für den möglichen Weg zur Überwindung des Kapitalismus. Obgleich auch mir an dieser Stelle die genaue Vorstellung fehlt, wie diese Entwicklung sich vollziehen könnte. Momentan setze ich große Hoffnungen auf das #BGE.

    Mit dem #BGE gäbe es noch lange keine klassenlose Gesellschaft, aber es könnte endlich vermeintlich freie Menschen von Zwängen befreien. Allerdings befürchte ich, dass der Weg zum #BGE noch sehr lang sein wird. Nationale Alleingänge sind schwer vorstellbar und ich glaube nicht daran, dass das #BGE sobald im Europaparlament auf der Tagesordnung stehen wird.

    Vielmehr befürchte ich, dass der Kapitalismus seine Menschenverachtung immer mehr offenbaren wird. Der Rechtspopulismus in den verschiedenen Ländern kommt nicht von ungefähr. Nach dem Lobbyismus ist man nun offenbar daran interessiert die lästige Demokratie ganz abzuschaffen und es scheint, dass die Mehrheit diese Entwicklung bejubelt oder duldet.

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