Geh doch in den Wald! Oder zum Sport! #ADHS

Ja, Sport hilft mir.

Er sorgt dafür, dass ich mich auspowere und dann gut schlafe, statt mich Abends nicht vom Internet losreißen zu können und noch 1000 Gedanken im Kopf zu haben. Probleme einzuschlafen sind so ein typisches ADHS-Ding.

Und ich trainiere mir grade das ab, was ich mir mit ewigen ’nebenbei‘ und aus Langeweile/zur Ablenkung essen angefuttert habe. Das gibt mir ein besseres Körpergefühl, mehr Selbstbewusstsein und ich fühle mich gesünder.

ABER: Sport oder im Wald zu spielen heilt kein ADHS. Es ist eine Kompensation.

ADHS Menschen zappeln ja nicht, weil sie mutwillig stören wollen, oder weil sie es so geil finden zu zappeln.

Mir persönlich ist es furchtbar unangenehm beispielsweise in einem Vortrag zu sitzen und dann nicht stillhalten zu können und auf meinem Stuhl herum zu rutschen und womöglich andere Menschen zu stören. Womöglich spiele ich dann Spiele auf meinem Handy. Aber dann wirke ich desinteressiert und unhöflich. Aber ich zappele wenigstens nicht so.

Das zappeln kommt daher, dass ich mich konzentriere und sich dann ein Druck in meinem Inneren aufbaut, der sich durch zappeln manifestiert. Oder dadurch an irgendwas rumzuspielen. Oder ich kompensiere es halt, indem ich auf meinem Handy spiele und die Energie so ableite. Früher in der Schule habe ich dann z.B. auch Muster gemalt oder ähnliches. Manche Lehrer haben das verboten, andere haben gesagt „Sie malt und kriegt trotzdem alles mit, deshalb ist das in Ordnung“.

Und ich bin erwachsen. Ich kann mich selbst reflektieren und mich auch selbst kontrollieren, auch wenn das sehr anstrengend ist. Aber Kinder können das natürlich nicht. Oder nicht so gut. Und deshalb stören sie in der Schule, zappeln und kommen nicht zur Ruhe. Es ist keine Boshaftigkeit.

Hat ADHS in den letzten Jahren zugenommen? Vermutlich nicht.

Aber ja klar, das Umfeld hat sich geändert. Kinder stehen unter größerem Leistungsdruck und viele Kinder bewegen sich auch nicht mehr so viel.

Genauso wie die Anzahl der Erwachsenen, die Bürojobs machen, sehr unter Druck stehen und sich bei der Arbeit wenig bewegen zugenommen hat.

All das führt natürlich dazu, dass viele Menschen mit ADHS heute eher auffällig werden, weil die Umgebung die Symptome sichtbarer macht und verstärkt.

Ich sehe in meiner Familie viele ADHS Symptome auch bei Menschen der vorherigen Generationen. Aber die haben auch körperlich schwerer gearbeitet und hatten nicht so eine hohe Bildung wie ich. Vermutlich sind die Symptome da nicht so aufgefallen und es gab ja auch keinen Namen dafür.

Da war Papa eben der Zappelphillip, Mama die verträumte, die sich bei den Hausaufgaben von den Eichhörnchen vor dem Fenster ablenken lassen hat und Oma hatte den Ruf als ungehobeltes Kind.

Ja, Ritalin kann helfen Menschen mit ADHS den Alltag zu erleichtern. Es stellt Menschen auch nicht ruhig in dem Sinne, dass man sediert ist. Sondern es entspannt die Unordnung im Kopf.

Natürlich wäre es eigentlich viel besser Menschen nicht mehr so unter den Druck zu setzen angemessen zu ‚funktionieren‘. Oder Kindern eine Umgebung zu schaffen, in der ihre innerer Druck nicht so schlimm wird, dass sie sich unkontrolliert verhalten.

Aber so ist es momentan leider nicht.

Ich selbst bin ja nun mal Kauffrau und arbeite in einem Großraumbüro. Das ist für jemanden mit ADHS natürlich eine schwierige Umgebung und hat auch sicherlich mit dafür gesorgt, dass meine Symptome stärker zu Tage getreten sind. Ich kann das jetzt auch nicht einfach spontan ändern oder umschulen und Gärtnerin werden oder so. Will ich auch gar nicht, tatsächlich mag ich meinen Beruf!

Aber auch aus den ganzen Gründen mag ich auch nicht dafür verurteilt werden, dass ich nun Ritalin bzw. Medikinet nehme, erstmal um zu testen, wie es mir im Alltag hilft. Ich bin mir dessen auch bewusst, dass es nicht die Lösung für alle meine Probleme ist. Ich werde deswegen jetzt auch nicht plötzlich Super-Maja, die total geplant, ordentlich und überhaupt nicht mehr verpeilt ist.

Meine Persönlichkeit bleibt die gleiche. Und zu der gehört eben auch das ADHS.

Trotzdem kann ich natürlich auch jeden verstehen, der es ohne Medikamente schaffen möchte und so zurecht kommt. Ich mein, um so besser, denn Medikamente haben ja auch immer Nebenwirkungen. Bei mir ist es bisher nur ein trockener Mund, damit kann ich leben.

Dafür war ich sehr stolz auf mich, als ich direkt am zweiten Tag mit Medikinet einem Kollegen 2,5 Stunden konzentriert etwas erklären konnte. Das wäre sonst undenkbar gewesen!

Ergo: Ja, Wald und Sport können helfen Dinge zu kompensieren. Nein, sie sind nicht _die_ Lösung und sie heilen kein ADHS.

Und ja, auch Ritalin hilft bei ADHS. Aber auch das heilt es nicht. Wir sind so wie wir sind. Wir sind kreativ, denken um Ecken, haben viel Energie und können uns so richtig in Dinge hineinknien, wenn sie uns interessieren. Und ich persönlich bin eigentlich ziemlich zufrieden damit.

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