#ADHS: „Gibt’s doch gar nicht“ vs. „Ich empfinde mich nicht als krank“

Kürzlich wäre ich fast aus einer Facebookgruppe zum Thema ADHS geflogen. Muss man ja auch erst mal schaffen.

Mein Verbrechen: Ich hatte gesagt, dass ich mein ADHS nicht als Krankheit empfinde. Also empfinde. Nicht, dass ich ADHS als Diagnose in Frage stelle, was ja für mich als Betroffene auch ziemlich dämlich gewesen wäre.
Immerhin habe ich ziemlich lange auf diese hingearbeitet um dem Kinde, was in meinem Kopf irgendwie anders läuft, einen Namen zu geben.
Zumal mir irgendwelche aluhütigen, esoterischen Erklärungen auch wirklich fern liegen. Letztendlich war es darum gegangen einer Mutter Mut zu machen, dass ihr Kind nicht zwingend lebenslänglich unter ADHS leiden MUSS, sondern dass man auch gut und positiv damit leben KANN. Muss und Kann sollten natürlich betont sein, denn es kommt auch immer darauf an, wie man mit so einer Diagnose umgeht, was für ein Typ Mensch man ist und überhaupt gibt es keine allgemeingültige Lösungsformel.

Ich hatte also gesagt ich empfinde meine Diagnose nicht als Krankheit. Ich möchte schließlich positiv damit umgehen und wir Menschen mit ADHS haben ja auch durchaus unsere Stärken. Und die Schwächen kann man durch ein gutes Umfeld, Medikation und auch Therapie gut kompensieren und lernen damit umzugehen.
Irgendwie schien diese Meinung dort nicht erwünscht.

Zugegebenerweise finde ich Artikel und Menschen die leugnen, dass es ‚meine‘ Diagnose gibt, auch ganz schrecklich. Die können sich ja nicht vorstellen was in meinem Kopf so vor sich geht. Das ewige Gedankenkarussell, das Problem sich nicht konzentrieren zu können, Dinge schnell aufzugeben, und so weiter. Ich habe da auch schon mal jemanden aus meiner Facebookfreundesliste geschmissen, der sagte „Ja ich kann ja nur sagen, was ich darüber gelesen habe und das sagte ‚Gibt’s nicht'“ und der sich auch nach „Hallo, aber das passiert real in meinem Kopf, hör mir doch mal zu“ nicht überzeugen lies. Darüber mag ich dann auch nicht diskutieren, weil es unweigerlich auf ein „Du bist halt undiszipliniert“ hinaus läuft. Zumal es einfach furchtbar respektlos ist.
Warum dann blöde Ratschläge wie „Wald statt Ritalin“ überhaupt nicht hilfreich sind, habe ich ja in meinem letzten Blogpost zum Thema schon geschrieben.

Es ist ja auch nicht so, als hätte ich in meinem Leben nicht unter dem dauernden Chaos im Kopf gelitten. Und unter dem Gefühl hinter meinen eigenen Möglichkeiten zurück zu bleiben. Ich wurde als Teenie in der Schule über viele Jahre gemobbt und richtig übel fertig gemacht, weil ich halt „irgendwie anders“ war. Und ich habe grade als Teenager darunter gelitten mich nicht richtig in die Gesellschaft einfügen zu können und nicht „normal“ zu sein. Lange bevor ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dass ich ADHS haben könnte, lange bevor durchsickerte, dass ADHS nicht eine Krankheit ist, die nicht nur anstrengende kleine Jungs haben.
Es ist nicht schön in unserer Gesellschaft vom ‚Standard‘ abzuweichen.

Aber nun hat das Kind nun mal einen Namen und ich kann daran arbeiten meine Defizite auszugleichen. Damit meine ich nicht nur, dass ich im Job möglichst gut funktioniere. Sondern auch, dass ich Dinge, die ich anfange, durchziehe, dass ich in Situationen nicht so emotional und hilflos reagiere, oder eben auch so gesundheitsschädliche Dinge wie aus Langeweile zu essen, abstelle.
Mir ist es wichtig da positiv ranzugehen. Mich an meine positiven Eigenschaften zu erinnern und auch daran, was ich in meinem Leben trotz (oder wegen?) ADHS schon erreicht habe. Ich bin ja nicht geistig behindert oder so. Und ich bin ziemlich intelligent.
Vielleicht kriege ich jetzt sogar noch mehr hin, wo ich davon weiß und lernen kann, wie ich Dinge richtig anpacken kann. Ich sehe das sogar als ganz große Chance.

Aber ich finde es irgendwie arg schwierig, wenn ADHS nur als schwere Krankheit diskutiert wird, wie eben in diesen Facebookgruppen. Natürlich haben Kinder oft sehr große Probleme, aber sie quasi als Pflegefälle abzustempeln ist schrecklich! Man ist doch mit ADHS kein fürs Leben gezeichneter Mensch. Man hat, wenn man gescheit da heran geht, die gleichen Chancen wie jeder andere Mensch. Es gibt einen Haufen berühmter Leute, die ADHS haben oder hatten.

Und genau deshalb sage ich auch ganz klar: Ich empfinde mich nicht als krank. Mein Gehirn funktioniert ein bisschen anders als der von der Medizin festgelegte Durchschnitt. Aber ich bin nicht krank.

Ergo: ADHS als existente Störung und Diagnose zu leugnen ist wirklich Mist. Damit hilft man niemandem. Im Gegenteil. Man spricht Menschen ihr Wesen ab und unterstellt ihnen womöglich ungerechtfertigt Disziplinlosigkeit und baut einen Druck auf, der absolut nicht in Ordnung ist.
Aber ADHS als schwere Krankheit hinzustellen, unter der man zwangsweise sein Leben lang leiden muss, ist eben auch nicht die Wahrheit. Im Gegenteil befürchte ich, dass man mit so einer Einstellung grade Eltern von betroffenen Kindern echt in Panik versetzen kann. Man kann mit ADHS gut leben, wenn man sich darauf einlässt, seine Bedürfnisse formuliert und Strategien entwickelt zurecht zu kommen.

Kein Schreckgespenst in Sicht.

2 Gedanken zu „#ADHS: „Gibt’s doch gar nicht“ vs. „Ich empfinde mich nicht als krank“

  1. Ich schon wieder…

    ADHS an sich ist erstmal keine Krankheit im eigentlichen Sinne. Das sehe ich genauso wie du.

    Aber trotzdem ist man ein Mensch mit ADHS. Wir sind eben keine Indigo-Kinder.

    Und ADHS kann, wenn es nicht rechtzeitig erkannt und besonders ausgeprägt ist, zu schweren Störungen führen.

    Ich hatte als Kind eine ausgeprägte Angststörung (ich weiß erst seitdem ich über 50 bin, dass ich ADHS habe, nachdem es bei meinem Sohn diagnostiziert wurde) und habe damit mein ganzes Leben zu tun gehabt, weil mir als Kind niemand geholfen hat.

    Aber so muss es eben nicht sein.

    ADHS ist nicht nur der Zappelphilipp, ADHS ist so viel mehr und auch so unterschiedlich, wie wir Menschen sind. Und eine Erkrankung wird es meistens erst durch die Komorbiditäten (Ängste, Depressionen, Lese- Rechtschreib-Schwäche, Ticks, Zwänge und so weiter).

    Ich versuche seit Jahren Menschen aufzuklären, was es wirklich für Betroffene und ihre Familien bedeutet. Es schient ein Kampf gegen Windmühlen. Merkwürdig finde ich immer, das kaum jemand hören will, was die Betroffenen selbst zu sagen haben.

    Vieles kommt dadurch, wie ADHS heute in TV, Print und Sozialen Medien dargestellt wird.
    Wenn man immer nur Gerald Hüther – mit seiner Wald- und Wiesenpädagogik – im Fernsehen zeigt, dann glauben das die Menschen.

    Viele Eltern, Lehrer und Erzieher sind verunsichert. Manche fühlen sich aber wiederum sogar berufen ADHS zu diagnostizieren. Auch das ist fatal!

    ich würde mir so sehr eine mehr sachliche Dikussion zu dem Thema wünschen. Weniger Hype, mehr echtes Leben!

  2. Oh. Ich. Danke. Dir.

    Ich, selbst auf dem Weg zur Diagnostik.
    Mein Kind fast 12, ab Montag zur Diagnostik.
    Ich sehe das genauso. Ich bin nicht wie die anderen. Manchmal wäre ich es. Manchmal wäre ich gerne im hier und jetzt. Weniger Gedankenchaos. Ich kann damit umgehen, möchte die Diagnose eigentlich auch nur um zu wissen, wie das heißt und was mein Kind grad erlebt.
    Mein Kind lebt mit angezogener Handbremse. Ich kann es nicht beschreiben. Ich hoffe so sehr, das er, mit der wie auch immer aussehenden Hilfe endlich zeigen kann, was in ihm steckt. Ohne das es unendlich mühsamer ist.

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