#ADHS – Das große R

Ich nehme jetzt seit anderthalb Monaten verschrieben und kontrolliert Medikinet – auch bekannt als Ritalin.
Angefangen habe ich mit einer relativ kleinen Dosis von 10mg retardiert und habe dann hoch dosiert auf 20mg retardiert.
Das ist immer noch keine allzu hohe Dosierung. Viele Kinder und Erwachsene, die stärker hyperaktiv sind als ich, kriegen höhere Dosierungen. Aber ich bin ja erstens eine Mischform (aus ADS und ADHS) und nicht durchgängig hyperaktiv und außerdem bin ich natürlich eine Erwachsene und kann mein Verhalten besser reflektieren, das heißt Medikinet ist nur eine Stütze.

Hab ich jetzt also mit Medis Superkräfte? Bin ich geheilt? Oder ruhig gestellt?

Keins von beiden. Es sind die kleinen Dinge.

Meine erste Bewährungsprobe hatte ich schon in der ersten Woche der Medikamenteneinnahme, als ich bei der Arbeit einem Kollegen aus einer anderen Abteilung mehrere Stunden die Hauptaufgaben meiner Tätigkeit erklären musste. Das ist eine Situation die für mich eigentlich sehr anstrengend ist. Einerseits muss ich konzentriert dabei bleiben und kann nicht einfach zwischendurch kurz aufstehen und in eine andere Richtung gucken. Und ich muss ruhig und verständlich erklären ohne abzuschweifen.
Beides ist nicht grade ADHS-freundlich und ich kriege davon eine innere Anspannung, die mich total fusselig macht.
Beides ging mit Medikinet aber erstaunlich gut.

Ich fühle mich mit Medikinet nicht komplett anders, aber die Unterschiede fallen dann schon auf, wenn ich eine Situation ‚überstanden‘ habe, die mir vorher Probleme bereitet hätte.

Allerdings merke ich auch die Langeweile in Situationen, in denen ich nicht so viel zu tun habe, noch viel mehr. Sonst hatte ich zumindest noch das Gedankengestrüpp im Kopf.

Das gebändigte Gestrüpp wirkt sich aber bspw. auch auf mein Socialmedia Verhalten aus. Wie viele andere Menschen auch, habe ich in Twitter den idealen Gedankenmülleimer gefunden. Diese Woche sah ich einen Tweet, der Twitter mit einem Denkarium (das ist in den Harry Potter Büchern ein Gefäß in dem man Gedanken ablegen und wieder ansehen kann) verglich. Twitter auf, Gedanke rein, Twitter wieder zu.
Da ich immer sehr viele Gedanken im Kopf hatte, habe ich täglich teilweise sehr viele Tweets geschrieben, mit sehr wirschen gedanklichen Sprüngen.
Ich könnte mir vorstellen, dass das für Follower manchmal seltsam oder anstrengend war.

Das hat sich definitiv gebessert. Jetzt erwische ich mich manchmal dabei, dass ich aus Gewohnheit was schreiben will aber mir dann gar nichts akut interessant oder sagenswert genug erscheint.
Man kann an meinem Twitterverhalten aber auch ablesen, ob ich grade Pillen genommen habe oder nicht. Wenn die Wirkung nachlässt twittere ich mehr Blödsinn.

Und ich habe die Rückmeldung bekommen, dass auch meine letzten Texte im Blog besser strukturiert sind, als die älteren. Das Urteil überlasse ich allerdings meinen Leser*innen.

Sehr deutlich, und das hatte ich ja auch schon im letzten Post beschrieben, merke ich die Unterschiede beim Sport.
Normalerweise nehme ich morgens meine Medikamente und Abends bin ich beim Sport. Das heißt die Wirkung ist dann nicht mehr so riesig.
Trotzdem muss sie durchaus noch da sein, denn es ist schon ein Unterschied ob ich unter der Woche, wenn ich die Medikamente morgens genommen habe, oder ob ich am Wochenende, wenn ich die Medikamente nicht nehme, zum Sport gehe.

Bevor ich die Medikamente genommen habe kannte ich den Unterschied natürlich nicht. Jetzt ist es für mich aber geradezu frustrierend ohne auf dem Crosstrainer zu stehen. Mein allgemeines Gedankenchaos schlägt mir dann wie Novemberregen ins Gesicht und macht mich langsam. Es fühlt sich doppelt so anstrengend an, weil ich mich ständig selber einfangen und mich daran erinnern muss, dass ich jetzt laufe und nicht irgendwelche Gespräche und Situationen im Kopf durchgehe. Trotzdem möchte ich die Medikamente möglichst am Wochenende nicht nehmen, weil sie natürlich bei allen positiven Effekten eine Belastung für Organe sind.

Und hier kommen wir eben auch zu dem Thema, dass es nicht nur Vorteile gibt.
Medikinet ist ein Medikament. Es hat auch Nebenwirkungen.
Ich hatte am Anfang das berühmt-berüchtigte Ritalinpappmaul. Mundtrockenheit ist eine häufige Nebenwirkung, grade zu Beginn der Behandlung. Eine Woche lang habe ich eigentlich ständig Flüssigkeit zu mir genommen, weil sich mein Mund ständig staubtrocken angefühlt hat. Da ich aber sowieso grade während der Arbeit sehr viel trinke war das ganze zwar unangenehm aber aushaltbar.
Außerdem habe ich mehr Haarausfall als sonst. Auch eine bekannte Nebenwirkung, aber auch nicht dramatisch. Ich hoffe das legt sich wieder.
Theoretisch kann es auch Probleme mit Puls und Blutdruck geben, aber eine Langzeitblutdruckmessung über 24 Stunden war bei mir völlig im grünen Bereich.

Was das Medikinet definitiv nicht macht ist mich ruhig zu stellen. Es hat ja keine sedierende Wirkung.
Ich habe mit Medikinet in vielen Situationen sogar mehr Energie übrig, weil die Komponenten, die sonst Energie gefressen haben, wegfallen. Ich muss mich eben nicht ständig selbst wieder zurück holen, mein Kopf ist nicht die ganze Zeit chaotisch, ich bin in Situationen mit vielen Sinneseindrücken nicht so gestresst. Die Energie wird also umverteilt und Resourcen werden frei.

Für mich hat das Medikinet also viele gute Dinge mit sich gebracht, die sich summieren – ich fühle mich aber nicht plötzlich total anders. Ich bin immer noch Maja. Ich habe immer noch ADHS und ich habe immer noch die Stärken und Schwächen, die damit einher gehen. Nur mit manchen Dingen komme ich jetzt besser klar.

Aber ich bin mir auch darüber im klaren, dass Medikinet/Ritalin nicht die Lösung für alle meine Probleme ist. Und dass ich auch anderweitig an mir arbeiten kann und muss. Es ist eine Stütze. Es ist nicht die Lösung.

Und ich weiß, dass es nicht die superduper Lösung für jeden Menschen mit ADHS ist. Und ich kann auch verstehen, wenn sich Menschen bewusst dagegen entscheiden und auch ohne klar kommen.
Medikinet sollte vor allem immer unter ärztlicher Aufsicht nach einem gescheiten Diagnoseverfahren eingenommen werden und nicht ‚einfach mal so‘ weil es angeblich irgendwie die Leistung steigert. Das ganze wird ja nicht umsonst als BTM-Rezept verschrieben.

Soweit also meine persönlichen Erfahrungen mit der Wirkung von Medikinet/Ritalin.

Was ich jetzt mal absichtlich weggelassen habe ist die Frage, ob sich Menschen mit ADHS wirklich an den ‚Standard‘ der Gesellschaft anpassen müssen und lernen müssen mit diesem klar zu kommen, oder ob es sinnvoll wäre mehr Verständnis dafür zu schaffen, wie unsereins tickt. Das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, ist aber eine Sache, die in anderen Blogposts zum Thema schon anklingt und über die ich sicherlich auch in Zukunft noch mal schreiben werde.

Über Kommentare und Berichte über eigene Erfahrungen mit und ohne Medis freue ich mich, wünsche mir aber 1. Respekt für meine Entscheidung welche zu nehmen und 2. einen höflichen und respektvollen Umgangston. Auch wenn das ein kontroverses Thema ist. Da ich aber eh jeden Kommentar freigeben muss, wandern rüpelhafte Kommentare halt in den Papierkorb.

2 Gedanken zu „#ADHS – Das große R

  1. Seit kurzem arbeite ich als Assistenzarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Vielen Dank für den lebendigen, infomativen Einblick.

  2. Deine Erfahrungen kann ich weitestgehend bestätigen.

    Ich gehöre zum Glück zu den Menschen, die keinerlei Nebenwirkungen verspüren. Abgesehen von dem Rebound, dieser etwas wirren Viertelstunde nach dem Abklingen der Wirkung. Da schlägt mein ADS mit voller Wucht zu und ich bin müde, konzeptlos und für nichts zu gebrauchen. Aber das gibt sich schnell und ich kann damit umgehen.

    Der größte Segen von Methylphenidat ist die teilweise Wiederherstellung meines Reizfilters. So kann ich mich nicht nur besser konzentrieren, sondern bin auch in der Lage, im Beruf mit nicht ganz einfachen Menschen umzugehen, ohne dass es mir alle Energie abzieht. Es hat noch viele weitere positive Aspekte auf mein Leben, die ich hier aber nicht alle aufzählen kann.

    Seit ich 2012 Methylphenidat erstmals verschrieben bekam, sinkt meine Dosierung kontinuierlich. Was u. A. daran liegt, dass ich mein AD(H)S inzwischen gut kenne und mein Leben darauf angepasst habe, sowie Strategien und Workarounds entwickelt habe. Das Medikament wandelte sich über die Jahre von einer Dauermedikation zu einem Bedarfsmedikament, meine Ärztin begrüßt diese Entwicklung. Ob ich irgendwann darauf gänzlich verzichte, bzw. verzichten kann, das wird die Zukunft zeigen.

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