Vom Kirchentag, der AfD und dem Haltung zeigen

Ich bin antifaschistisch, feministisch, setze mich um meiner queeren Freunde Willen für die Ehe für Alle ein, finde die meisten Autoritäten doof… wahrscheinlich traut man einer wie mir eigentlich keine Mitgliedschaft in der Kirche zu.

Und trotzdem bin ich immer noch evangelisch und zahle immer noch meine Kirchensteuer.

Zugegeben: Es gab Phasen in meinem Leben, wo Glaube eine größere Rolle gespielt hat als heute. Heute gehe ich eigentlich nie in die Kirche und beten und Bibellesen gehören nicht grade zu meinen häufigsten Beschäftigungen.

Aber trotzdem würde ich mich niemals als Atheistin bezeichnen. Da ist trotzdem noch dieses Hoffen auf den einen, universellen Funken, der das Universum zusammenhält.

Ich war auch eine zeit lang in freien Gemeinden verschiedenster Art unterwegs, aber dort ist es mir irgendwann zu eng geworden. Zu viel konservatives Denken, irrwitzige Vorstellungen, wie ich mich als Frau zu benehmen habe, ungute zwischenmenschliche Strukturen.

Die evangelische Kirche erscheint mir als einigermaßen guter Kompromiss. Sie lassen einen meist in Ruhe und wenn man doch mal das Bedürfnis nach Spiritualität hat, kann man hingehen. Vor allem pfuschen sie einem nicht ins Leben rein. Das ist ein komfortabler Zustand, mit dem ich leben kann.

Ja, natürlich hat auch die evangelische Kirche ihre Themen, die sie mal angehen müsste. Eine kritischere Auseinandersetzung mit Luther beispielsweise. Grade jetzt im Lutherjahr. Denn Luther hat natürlich theologisch tiefgreifende und umwälzende Veränderungen in Gang gebracht. Aber er war eben auch Antisemit und seine Rolle in den Bauernkriegen auf Seiten der Herzöge war keineswegs rühmlich. Zumal er den Arbeitsethos, der bis heute gilt und uns heute um die Ohren fliegt, geprägt hat.

Und seit dieser Woche insbesondere, aber eigentlich schon viel länger, sollte die Kirche und sollten Christen im Allgemeinen mal Tacheles darüber reden, ob und wie sie Rassisten in ihren Reihen duldet, gewähren lässt oder ihnen sogar Raum bietet.

So wurde der rassistischen AfD auf dem evangelischen Kirchentag eine ganze Diskussionsveranstaltung gewidmet, mit Vertreterin derselben auf dem Podium, die ihre rassistischen Thesen verbreiten durfte. Das ganze wurde begleitet von einer desaströsen Leistung des Kirchentagseigenen Twitteraccounts, der bald verharmlosend, bald rechtfertigend, bald abwiegelnd den Protest beantwortete. Es sei ein Unterschied, ob die AfD aufträte oder eine Vertreterin von „Christen in der AfD“, man solle ihr doch „erstmal zuhören“ und hingewiesen auf die unrühmliche Rolle der evangelischen Kirche in der NS Zeit, gab der Account zum besten der Kirchentag sei doch schließlich genau deswegen gegründet worden – um im Jahre 2017 Rassisten eine Bühne zu bieten? Ernsthaft, mir sträuben sich da die Haare!

Es läuft immer wieder auf das alte Thema raus, was sich so zusammenfassen lassen könnte: „What Would Jesus Do?“
Ist Nächstenliebe so zu verstehen, dass man Rassisten in der Mitte der Gemeinde dulden muss? Ihnen gar erlauben muss ihre Überzeugungen kund zutun? Ihnen eine Bühne bieten muss?

Ich war mal Mitglied in einer Jesus Freaks Gemeinde. Jesus Freaks sind eine junge christliche Bewegung, die in den 90ern in Hamburg entstand und in der viele alternative Leute unterwegs waren.
Die Gemeinde, in der ich war, hatte eine sehr junge Leitung. Keiner von denen war irgendwie professionell ausgebildet. Wie das eben in kleinen, kirchenunabhängigen Laiengemeinden öfter so ist.
Und in dieser Gemeinde hatten wir auch ein Mitglied, das ziemlich nach rechts abgedriftet war.
Soweit so gut, meiner Überzeugung nach hätte sich die Leitung mit dieser Person auseinander setzen können, nein, müssen. Ich weiß nicht inwiefern es funktioniert jemanden wieder ‚auf den rechten, äh, linken Pfad zu führen‘ aber zumindest hätten sie dafür sorgen müssen, dass diese Person solche Positionen nicht in der Gemeinde kundtun darf.
Denn das tat sie. Vor allem gegenüber einigen sehr jungen Teenagern.
Was geschah also? Ich habe mehrfach protestiert und die Leitung aufgefordert was zu unternehmen.
Das Ergebnis? Ich bekam einen Maulkorb und mir wurde verboten in der Gemeinde ‚über Politik‘ zu reden.
Nun, ich bin dann damals als Reaktion dort ausgetreten.

An diese Situation habe ich mich in Bezug auf den Kirchentag erinnert gefühlt.
Es widerspricht zutiefst meiner antifaschistischen, aber auch meiner immer noch vorhandenen christlichen Überzeugung, Rassisten einfach so gewähren zu lassen.
Es ist schon schlimm sie gewähren zu lassen, weil man den Konflikt und die Auseinandersetzung fürchtet, wie es eben in der erwähnten kleinen Gemeinde war. Sei es nun, weil man keinen Streit will oder sich unsicher fühlt.
Gemeindeleitungen haben auch eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitgliedern.

Aber ich finde es fast noch schlimmer Rassisten bewusst eine Bühne zu bieten, und das vor hunderten Menschen.
Ja, man kann damit argumentieren, dass Jesus auch immer mit den Sündern und Pharisäern diskutiert hat. Aber das hat er auf in den Situationen getan, als er auf sie traf. Er hat Sünder zum Umdenken bewegt und er hat den Pharisäern, die seine Taten kritisierten, die Stirn geboten.
Aber bei der Bergpredigt, als Menschen aus ganz Israel vor Ort waren, da hat er von Liebe und Barmherzigkeit geredet. Und er hat nicht seine Feinde mit hinzugebeten, damit die diese Werte vor den Zuschauern in frage stellen und diskutieren dürfen.

Es ist ganz klar ein Riesenunterschied, ob man sich auf Plätzen und im Alltag Rassisten und ihren Thesen entgegenstellt und ihnen die Stirn bietet. Und ja, ich bin dafür jemandem, der von seiner rassistischen Meinung abkehrt, auch eine zweite Chance zu geben. Aber ich halte es für nicht vertretbar, auch nicht mit dem Argument „What Would Jesus Do?“, rassistischen Positionen öffentlich und vor hunderten Menschen eine Bühne zu bieten.

Der evangelische Kirchentag hat es trotzdem getan. Er hat damit all denen ins Gesicht geschlagen, die sich in ihren Gemeinden für Geflüchtete engagieren, die gegen rechte Aufmärsche auf die Straße gehen. Aber auch den Landeskirchen, die gleichgeschlechtliche Paare segnen oder zum Teil gleichberechtigt trauen. All denen, die sich aus Nächstenliebe für Schwächere einsetzen.

Das Argument ‚Jesus liebt alle Menschen‘ ist keine Rechtfertigung Hass unwidersprochen zu lassen. Im Gegenteil. Es ist das beste Argument sich Hass und Meinungen, die einige Menschen als wertvoller ansehen als andere, entschieden entgegen zustellen. Und das tut man nicht, indem man diesen Meinungen eine Bühne gibt. Auch wenn man ihnen dann dort widerspricht.

Nun ist der evangelische Kirchentag keine Veranstaltung der EKD. Aber die Überschneidungen sind natürlich da.
Ich wünsche mir wirklich eine Diskussion darüber, wie man in kirchlichen Zusammenhängen mit Rassisten und rassistischen Positionen umgeht.
Wenn der Kirchentag sich in der Tradition der „Bekennenden Kirche“ sieht, dann ist die Einladung der AfD auch das Lächerlichmachen ihres bekanntesten Vertreters Dietrich Bonhoeffers, der wegen seines Widerstandes gegen die Nazis im Konzentrationslager ermordet wurde, und auch der Barmer Theologischen Erklärung.

Ich habe vor über 10 Jahren sogar mal 3 Semester evangelische Theologie auf Pfarramt studiert. Aber eine evangelische Kirche, die zu dem Schluss käme Rassisten seien Diskussionspartner, die wäre mir fremd.

Nein, das hier ist (noch) keine Austrittserklärung. Aber es könnte irgendwann mal eine werden.

Ein Gedanke zu „Vom Kirchentag, der AfD und dem Haltung zeigen

  1. Aus dem Stuttgarter SchuldbekenntnIs:
    Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

    Kurz ist da wohl die Erinnerung.

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