#ADHS – Macht oft genug auch einfach keinen Spaß

Bisher habe ich viel darüber geschrieben, wie ich positiv mit ADHS umgehe.
Aber ist das ganze womöglich gar nicht so schlimm und stellen sich alle mit der Diagnose nur an, wenn man das Leben damit eigentlich kein Problem ist, wenn man ein paar Pillen einwirft und dann ist alles easypeasey? Ist das ganze womöglich eigentlich gar kein Problem?

Ganz ehrlich? Nein. Nein, manchmal fucken mich ADHS und mein Hirn auch einfach nur ganz furchtbar ab.
Es sind vor allem die Situationen, die eigentlich harmlos sind, aber nicht nach Plan laufen und mich deshalb überfordern und ich mich dann schlecht fühle, weil das ganze in dem Moment dann so ein Drama war.

Ein aktuelles Beispiel: Ich steige in den IC, für den ich mir einen Sitzplatz reserviert habe. Ich reserviere mir immer Sitzplätze, weil es schon so stressig ist nach einem Platz zu suchen und Menschen zu fragen, ob man neben ihnen sitzen darf und dann mit dem ganzen Gepäck…
Jedenfalls: Ich steige in den IC und will zu meinem Sitzplatz und muss feststellen: Es gibt ihn nicht. Der Wagen ist der richtige, ja, auch der Zug ist der richtige und der Tag auch. Aber meinen Sitzplatz gibt es trotzdem nicht.

Und instant ist mein Stresslevel auf 3000. Dabei gehe ich einfach einen Wagen weiter, dort gibt es sogar einen Platz mit meiner Platznummer. Ist zwar nicht der reservierte, aber er ist frei, er hat eine Steckdose, eine gute Aussicht aus dem Fenster, der Wagen ist viel leerer als der mit den Reservierungen und eigentlich ist alles total super.

Aber innerlich stehe ich noch ne Viertelstunde voll unter Stress und bin verkrampft, habe einen richtigen Druck in der Brust und ich möchte jemanden anmeckern oder einfach so rumfluchen. Zum Schaffner bin ich zwar äußerlich freundlich und sage ihm, dass alles okay ist und dass dieser Platz ja total super ist. Aber innerlich würde ich ihn am liebsten anschreien.

Dabei weiß ich ja eigentlich, dass das jetzt zwar kurz blöd war, aber alles okay ist. Dass ich jetzt hier die nächsten zwei Stunden sitzen und mich entspannen kann.

Und als ich dann wieder klar denken kann fühle ich mich schlecht. Ich hab mich zwar nicht daneben benommen, war zu niemandem unhöflich, aber ich habe innerlich in meinem Kopf wieder aus einer Mücke einen Elefanten gemacht und meine Emotionen und mein Stresslevel waren stärker als meine Logik und die Rationalität. Trotz Ritalin. Trotz der Tatsache, dass ich positiv in den Tag gegangen war.
Ich komme mir wieder vor wie eine elende Dramaqueen.

Und dann hasse ich es wieder zutiefst, dass ich so schlecht mit Stress und unvorhergesehenen Situationen umgehen kann. Und dass ich emotional reagiere, obwohl es rational kein Problem gibt. Weil das mein Leben lang schon so ist und ich es nie abstellen konnte und vielleicht nie abstellen werden kann.

Immerhin: Ich habe mich mit Ritalin soweit im Griff, dass ich niemanden anschnauze. Dass ich nicht unhöflich werde. Aber die innere Spannung, der Druck in der Brust der noch lange nach der Situation noch da ist, der, der einen eigentlich die Fäuste ballen und zittern lassen würde, wenn man es sich nicht selbst verbäte, den hasse ich zutiefst.
Das ist ein innerer Druck, den ich auch nach einem langen, stressigen Arbeitstag habe, wenn es wieder besonders laut war im Büro. Oder der kommt, wenn wieder 3 Leute gleichzeitig auf mich einreden und ich nicht mehr filtern kann. Oder wenn es am Frühstückstisch meiner kunterbunt-chaotischen Familie so laut ist, dass ich irgendwann rausgehen muss.

Dann komme ich mir hilflos vor und ich habe Angst, dass es kindisch rüberkommt, wenn ich diese Stressymptome zeige.
Früher als Kind, als ich meine Reaktionen noch nicht kontrollieren und reflektieren konnte, wurde mir dann immer gesagt ich soll aufhören rumzubocken.
Naja, jetzt bin ich erwachsen, aber das innere Gefühl ist immer noch da.

Ich weiß aus den Gesprächen mit anderen ADHS Menschen, dass andere diese Situationen auch kennen, in denen sie sich unangemessen verhalten. Und dass das unangenehm ist. Wir müssen wohl alle unsere Strategien finden damit umzugehen.

Das sind die Situationen, in denen ich besonders darunter leide, dass mein Gehirn so tickt, wie es tickt. Vorallem, weil ich weiß, dass ich zwar Strategien finden muss und gefunden habe, um mich meistens ‚sozial angemessen‘ zu verhalten, aber dass es nicht weggehen wird.

Es sind genau solche Situationen für die mich Menschen schon oft kritisiert haben, eben weil ich mich nicht angemessen verhalten habe. Eben als Kind, als ich als ‚bockig‘ galt. Als Teenager, als ich deswegen gemobbt wurde, weil ich eben ‚seltsam‘ war. Oder als Erwachsene, wenn mich Freunde gebeten haben gefälligst empatischer zu sein und nicht so emotional zu reagieren und ich es nie so richtig geschafft habe.
Und jedes mal, wenn es mir wieder passiert fühle ich mich von mir selbst besiegt, auch wenn sie Umwelt wie im Beispiel mit dem Zug nicht mal was davon mitbekommen hat, außer dass ich vor mich hingeflucht habe.

Dann sagt mein Verstand zwar: Ja, du hast es doch jetzt sogar schwarz auf weiß woran es liegt.
Aber mein Herz sagt: Du bist über 30 und hast es trotzdem nicht im Griff.

Dann mag ich das ADHS an meiner Persönlichkeit nicht, auch wenn ich mich meistens damit abgefunden habe und akzeptiere, dass es da ist.
Meistens komme ich ja auch ganz gut klar. Aber ich hab das hier mal aufgeschrieben, um klar zumachen, dass es halt nicht immer nur eine Superkraft ist, die einem ermöglicht um Ecken zu denken, 1000 Ideen zu haben, kreativ zu sein.

Manchmal liegt es halt auch bleischwer wie ein großer Sandsack im Weg und ich stolper drüber.

Dann merke auch ich, dass ich an mir und meinen Strategien arbeiten muss um mich nicht nur unter Kontrolle zu haben, aber auch um meine Schuldgefühle loszuwerden. Denn ADHS ist einerseits keine Ausrede ein Arschloch zu sein, also sich unhöflich zu benehmen, aber es ist eben auch kein Grund um sich schuldig zu fühlen.

Das zusammen zubringen ist auch für mich ein Weg. Und das ist einer der Gründe, warum ADHS keine easy Modediagnose für Handyopfer ist, sondern oft genug ziemlich scheiße.

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