Leben mit #ADHS – Jeder Jeck ist anders

In meinem letzten Blogpost hatte ich über 10 Punkte geschrieben, die dazu führen, dass Menschen mit ADHS in sozialen Gruppen manchmal nicht ganz ‚reinpassen‘.
Einige Menschen mit ADHS antworteten hier zu, dass sie sich mit 8 oder 9 von 10 Punkten identifizieren können, aber mit einigen auch überhaupt nicht. Oder jemand schrieb mir sogar, dass er einen Menschen kennt, der ADHS hat und als Perfektionist gilt.

Daran sieht man schön: Jeder Jeck ist anders.
Hier 4 Punkte als Erklärung:

1. AD(H)S bewegt sich in einem Spektrum. Es hat Auswirkungen auf den Hirnstoffwechsel, aber die Symptome sehen bei jedem Menschen anders aus. Es gibt ADS, ADHS und Menschen mit einer Mischform. Menschen mit ADHS sind die typischen Zappelphillips, die nicht ruhig sitzen können. Die Leute mit ADS gelten oft als verträumt oder verpeilt und lassen sich schnell ablenken. Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es alles mögliche dazwischen. Es gibt nicht „Den AD(H)Sler“ sondern es gibt Probleme, die bei vielen Menschen ähnlich sind.

2. Jeder geht mit seinen Symptomen anders um. Ich beispielsweise war als Kind schrecklich angenervt davon, dass mich meine Mutter (mit undiagnostiziertem AD(H)S) ständig zu spät zu Terminen gebracht oder abgeholt hat, weil sie in Sachen Zeiteinschätzung nicht so gut ist. Auch deshalb habe ich das Thema Pünktlichkeit als Erwachsene geradezu überkompensiert. Ich bin überpünktlich. Wenn ich irgendwo hinfahre plane ich immer massig Zeit ein. Unterwegs mit Bus und Bahn plane ich völlig übertriebene Umsteigezeiten ein, weil ja etwas dazwischen kommen könnte. Und ich bin lieber eine Stunde zu früh als 5 Minuten zu spät. Und auch wenn ich Ausflüge plane, dann plane ich die minutiös und weiß schon vorher genau was ich mir alles ansehen will. Damit falle ich meinem Freund regelmäßig auf die Nerven, weil er eher der spontane Typ ist.
Das heißt aber nicht, dass ich ein besseres Zeitgefühl habe. Ich komme diesem miesen Zeitgefühl einfach zuvor.
Ebenso gibt es viele Menschen mit ADHS, die beispielsweise ihren Sinn für (Un-)Ordnung kompensieren, indem sie extrem ordentlich sind.

3. Die familiäre Prägung ist nicht zu unterschätzen. Einerseits wird ADHS oft vererbt, das heißt wenn es die Kinder haben, dann ist oft mindestens ein Elternteil eben betroffen. Bei mir sind es wahrscheinlich sogar beide, wenn auch undiagnostiziert. Aber die Fälle sind in beiden Familienhälften vorhanden.
Und wie oben beschrieben sind die Kompensationen doch auch davon abhängig wie die Eltern ‚ticken‘.
Ich habe grade in meiner Familie beobachtet, wo sich die ADHS Fälle, wenn auch zum großen Teil undiagnostiziert, weil man damals noch keinen Namen dafür hatte, mindestens 4 Generationen verfolgen lassen, dass sich die Kinder gegenteilig zu den Eltern entwickeln. Waren die Eltern eher nachlässig in der Ordnung wird das Kind eher sehr ordentlich. Das gleiche Thema in Sachen Pünktlichkeit wie bei meinen Eltern und mir. Allerdings beobachte ich auch viele Dinge, die bei meinen Eltern und mir total ähnlich sind und bei denen ich halt ganz eindeutig die Tochter meiner Eltern bin.

4. Man ist dem AD(H)S nicht schutzlos ausgeliefert. Ich habe vor kurzem darüber gebloggt, dass ich schon manchmal sehr unter meinen Problemen mit Impulskontrolle und Emotionalität und daraus folgenden irrationalen Reaktionen leide. Aber dafür habe ich das schlechte Zeitempfinden kompensiert und es ist mir nicht im Weg. Und in dem Punkt, dass ich Probleme mit Smalltalk und sozialen Konventionen habe, hilft mir auch meine Medikation sehr weiter, weil mein Gehirn in solchen Situationen nicht ständig ein „Langweilt mich, langweilt mich“ sendet.
Jeder hat Punkte mit denen er besser oder schlechter klarkommt. Manche gelten dann vielleicht als Marotte aber stören nicht wirklich, andere kann man kompensieren oder die Medikation hilft. Aber auch eine Psychotherapie kann helfen Strategien zu finden, um im Alltag besser klarzukommen.

Ich verstehe, dass ADHS für Nicht-Betroffene teilweise schwer greifbar ist, weil es eben viele verschiedene Ausprägungen gibt. Und ich verstehe auch, dass Betroffene vielleicht an sich selbst zweifeln, wenn sie selbst ganz andere Schwierigkeiten haben als andere. Aber wie alle anderen Menschen auch, sind wir alle Individuen. Wir haben unterschiedliche Stärken und unterschiedliche Schwächen, unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Kompensationsmethoden.
Ich denke wir können da auch viel voneinander lernen, wenn wir uns besser vernetzen.

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