Liebeslied auf den #ÖPNV um 7 Uhr morgens.

Wenn du jahrelang im gleichen Bus zur Arbeit fährst, dann erfährst du viel über deine Mitreisenden, ohne jemals ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben.

Ich sehe Kinder zu Teenagern werden und Teenager zu jungen Erwachsenen.

Die kleinen coolen Checkerjungs, die mit der Zeit zu schmucken jungen Männern werden.
Da gibt’s die jungen Herren, die ich im Kopf automatisch in die Schublade „Rüpel“ einordne und die mich dann respektvoll zuerst einsteigen lassen und die meine dummen Vorurteilkartenhäuser zusammenfallen lassen.

Und die Teeniemädchen, die 13 die ersten schlimmen Experimente mit Schminke wagen und mit 15 oder 16 den Todesblick üben, der allen Teenagermädchen zu eigen scheint und mit dem sie jedes weibliche Wesen in ihrer Umgebung bedenken.
Immerhin: An den jungen Damen erkenne ich zuverlässig jeden aktuellen Klamottentrend. Modemagazine werden völlig überflüssig und ich hab was zu schmunzeln.

Da sind die älteren Herrschaften. Einige erleben irgendwann ihren zweiten Frühling und fangen an coole Hoodies oder Sneakers zu tragen. Und dann gibt es die, die irgendwann dann plötzlich wegbleiben…

Da sind die jungen Mädchen, die irgendwann anfangen sich mit dem Kopftuch zu verschleiern. Und manchmal auch die, die ihr Kopftuch wieder abnehmen.

In den letzten Jahren sind da auch die Menschen, die auf der Suche nach Schutz herkamen und deren Geschichten ich nur erahnen kann. Auch sie sind fester Bestandteil der ÖPNV Schicksalsgemeinschaft geworden.
Hingenommen mit der selben müden Gleichmütigkeit, die Menschen um vor 7 Uhr morgens zu eigen ist.

Wir starren alle vor uns hin und tippen auf unseren Handys und hören Musik und wollen nicht angesprochen werden.

Wir sind das Verkehrsproletariat. Wir sind die, die sich dem Individualverkehr verweigern – freiwillig oder nicht.

Wir beobachten uns gegenseitig, fragen uns was die Geschichten der anderen sind. Ohne jemals miteinander gesprochen zu haben.

Wir sind alle noch müde und blass. Und wir sehen uns jeden Morgen.

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