„Sag bitte! Sag danke! Gib die Hand!“ – Weniger ’nett‘ sein ist auch okay.

„Sag bitte! Sag danke! Gib die Hand!“

Wirklich, ich war noch nie der Mensch, der Körperkontakt super fand. Damit habe ich mir öfter mal Ärger eingehandelt, weil ich nicht von mir aus der Verwandtschaft die Hand gab, geschweige denn mich gerne herzen und mit feuchten Küssen überhäufen lies.

Noch heute ist es bei mir sehr tagesformabhängig, ob ich von Menschen gerne umarmt, geschweige denn geküsst, werde. Mir ist das oft zu nah. Ja auch von Oma. Obwohl ich Oma sehr liebe.

Aber als Kind hat man das gefälligst über sich ergehen zu lassen. Man soll nett sein, man soll höflich sein. Aber vor allem hat man die Fresse zu halten. Vor allem als Mädchen.

Eine eigene Meinung? Als Kind? Das gilt als frech und unerzogen.

Wirklich, ich war meistens das nette Kind. Ich hab meistens die Fresse gehalten, aber ich war auch extrem schüchtern und unauffällig. Bei mir war halt nur Stein des Anstoßes, dass ich nicht die Hand gegeben habe. Und die Leute nicht angeguckt habe. Ich hatte andere Prioritäten und andere Grenzen, war nichts gegen euch.

Meine Schwester hingegen ist oft angeeckt, weil sie ihre Meinung sehr bestimmt vertrat.

„Da hast du bei der Erziehung wohl was falsch gemacht!“ durfte sich meine Mutter von einer Verwandten anhören.

Ich bin ja der Meinung meine Mutter hat da bei der Erziehung was richtig gemacht.

Gerade kleine Mädchen werden viel zu oft dazu erzogen nett, süß und gefällig zu sein. Wenn ein Junge noch ein kleiner Rabauke ist, ist das Mädchen schon ungezogen und frech.

Zu leiden hatte ich unter den Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden, als junge Erwachsene in meinen 20ern. Da war ich jahrelang Single. Ja kommt vor. Aber gerade von Oma, Tanten, Großtanten wurde ich zu jeder Familienfeier befragt, ob ich denn nun endlich mal nen Freund hätte. Hatte ich nicht. Irgendwann hörte ich, wie hinter meinem Rücken sogar getuschelt wurde, ob ich vielleicht lesbisch sei. Nein bin ich nicht, aber selbst wenn, was wäre schlimm daran gewesen? Hängt mein Lebensglück und Lebenswert etwa davon ab, ob ich einen Mann abkriege? Und dann wahrscheinlich schnell ein paar Kinder produziere?

Ja gut, ich bin Omas ältestes Enkelkind, da hängen an mir ja die Erwartungen, ne? Blöderweise sind alle meine jüngeren Geschwister und Cousin*en mittlerweile auch im gebärfähigen Alter und Oma hat immer noch keine Urenkel. Aber scheinbar hat sich die Verwandtschaft daran gewöhnt, dass meine Generation womöglich andere Prioritäten setzt oder setzen muss.

Nett und lieb sein, das hab ich mir auch abgewöhnt. Womöglich war ich es auch nie, sondern nur immer sehr schüchtern.

Ich hatte zumindest nie den Eindruck ich sei eine Versagerin, weil ich lange keinen Freund hatte. Oder den Gedanken, dass ich einfach nur hübsch aussehen muss um Erfolg zu haben. Ich hab mich auch immer selbstverständlich mit Männern auf eine Stufe gestellt, einfach weil mir meine Eltern nie beigebracht haben, dass es anders sein soll. Wofür ich ihnen dankbar bin.

Sie haben mir und meinen Geschwistern aber nie Vorschriften gemacht hinsichtlich was für Partner wir nach Hause bringen sollen. Egal was die Verwandtschaft dazu sagte.

Aber ich weiß, dass ich damit nicht unbedingt dem Durchschnitt entspreche.

In meiner Berufsschulklasse erzählte eine Mitschülerin mal, dass ihr ihre Eltern gesagt hätten „Sie solle bloß keinen Türken mit nach Hause bringen“. Ich war schockiert. Noch schockierter war ich, als die anderen Mitschülerinnen sagten, dass ihre Eltern ihnen ähnliches mit auf dem Weg gegeben hatten.

Ich war also die einzige, deren Eltern ihr keine (dazu rassistischen) Vorschriften in punkto Partnerwahl gemacht hatten? Es ist also offenbar Standard, das sowas passiert?

Ich habe erwachsene Kolleginnen und Freundinnen, denen die Eltern immer noch massiv in die Partnerwahl reinreden. Ich kenne viele Frauen, die sich wertlos fühlen, weil sie keinen Freund haben, weil Männer sie schlecht behandeln, weil Männer sie nicht respektieren, sich nicht zu ihnen bekennen, keine feste Partnerschaft wollen.

Ich habe Frauen Sätze sagen hören wie „Ja, die Pille ist so schädlich für den Körper, aber das ist halt unser Fluch, den wir tragen müssen.“

Ich habe die Pille ja irgendwann abgesetzt, weil ich davon Stimmungsschwankungen und Brustschmerzen bekam. Warum sollte ich einen Fluch tragen, den ich nicht tragen muss, weil es andere Methoden gibt? Weil man es den Männern recht machen will, wenn die keine Kondome benutzen wollen? Ja geht’s noch?

Kürzlich regten sich viele Menschen, ich übrigens auch, über den Artikel einer Soziologin bei Zeit Online auf. Sie kritisierte, dass Frauen sich selbst immer noch als das ’schöne Geschlecht‘ sehen, das es Männern recht machen will, das sich Schönheitsdiktaten unterwirft.

Leider zieht sie den Schluss, dass die Kleidung von Frauen weniger vielfältig sein solle, weil die Kleidung von Männern weniger vielfältig ist. Und dass wir Makeup weglassen sollen, um uns Männern gleichzustellen. Ich halte das für den falschen Schluss.

1. Ja, die Modeindustrie ist oft sehr sexistisch. Aber Mode ist nicht generell sexistisch. Mode ist Ausdrucksweise, Mode ist Statement. Mode kann sehr feministisch sein.

2. Warum sollen wir Frauen uns Männern anpassen? Was ist an Vielfalt schlimm? Ich würd Männern viel mehr auch Vielfalt gönnen.

Unter Anderem fordert sie auch strengere Kleidervorschriften in Schulen um Mädchen zu zwingen ihren Körper zu bedecken. Leben wir denn etwa im viktorianischen Zeitalter?

Wie gesagt, ich vermute die Autorin hatte den richtigen Grundgedanken, aber sie zieht die völlig falschen Schlüsse.

Ich habe in meiner Schulzeit Mädchen im Teenageralter erlebt, die sich bei einem bestimmten Lehrer bei Klassenarbeiten mit einem kurzen Minirock und tiefem Ausschnitt in die erste Reihe gesetzt haben. Weil es das Gerücht gab, dass das bei diesem Lehrer zu guten Noten führt. Und obwohl es gegen diesen Lehrer Ermittlungen gab, weil dieser angeblich Schülerinnen per Mail und SMS angebaggert haben sollte. (Wobei da nie etwas bei rauskam, soweit ich weiß)

Ja. Das ist ein Problem. Es ist ein Problem, dass 15, 16, 17 jährige Mädchen schon verinnerlicht haben, dass man durch nett sein, hübsch sein und auch durch das zur schau stellen des eigenen Körpers weiter kommt. Und dass Körperlichkeiten womöglich mehr zählen als Wissen. Und dass das ein akzeptabler Vorgang ist, egal ob er jetzt zum Erfolg führt oder nicht.

Aber sind Bekleidungsvorschriften ein Weg um diese Strukturen zu durchbrechen? Um Mädchen zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu erziehen, die auf ihre Fähigkeiten vertrauen? Nein! Sind sie nicht!

In meiner Schule gab es in der 11. Klasse „Selbstbehauptung für Mädchen“. Ein Kurs, der an den Sportunterricht angegliedert war und in dem wir lernten, wie wir uns selbst verteidigen können.

Wäre es nicht viel besser solche Ansätze zu vertiefen, sie früher anzubieten, um da auch über solche gesellschaftlichen Strukturen und persönliche Grenzen zu reden und bewusst zumachen, damit Mädchen nicht in diese ‚Falle‘ rennen sich selbst zum Objekt zu machen?

Reine Selbstverteidigung zielt ja wiederum darauf ab, dass Mädchen Opfer sind und nur das schlimmste abwenden können.

Viel wichtiger ist es von den gesellschaftlichen Strukturen abzurücken, die Teile meiner Umwelt mir noch vermitteln wollten. Dass man nett sein soll, lieb sein soll, das man einen Mann braucht um etwas wert zu sein, dass man am besten keine eigene Meinung haben soll, weil das bei jungen Menschen als ‚frech‘ gilt.

Ein bisschen weniger „Sag bitte! Sag danke! Gib die Hand!“ und ein bisschen mehr „Du darfst als als Kind und als Teenie deine eigene Meinung haben und deine eigenen Grenzen setzen und niemand hat das Recht diese Grenzen zu verletzen!“.

Das setzt dann vielleicht auch der Vorstellung ein Ende, dass Frauen selbst Schuld an Benachteiligung oder gar Belästigung sind, wenn sie sich ‚zu nett‘ kleiden, ‚zu stark‘ schminken oder schlicht ‚zu hübsch‘ sind.

Frauen die sich ihrer selbst bewusst sind – und das schließt nicht ein, dass sie jetzt zwingend laute, draufgängerische Haudraufs sein müssen – das ist was wir brauchen. Frauen, die sich ihrer Grenzen bewusst sind und die sich darüber bewusst sind, dass niemand das Recht hat diese zu überschreiten. Aber keine züchtigen Kleidervorschriften.

2 Gedanken zu „„Sag bitte! Sag danke! Gib die Hand!“ – Weniger ’nett‘ sein ist auch okay.

  1. So richtig, was du sagst. Die Frage nach dem Partner ändert sich später zu: „Wieso seid ihr immer noch nicht verheiratet“ und „Wann stellt sich denn endlich Nachwuchs ein?“ Genauso ätzend. Finde es immer schade, dass alternative Lebensläufe auf so viel Widerstand stoßen und viele sich für Entscheidungen „rechtfertigen“ müssen.
    Der eigene Weg ist nicht der, den andere favorisieren.

  2. Irgendwann in der Grundschule habe ich mal Hausarrest bekommen, weil ich nicht mit einem angeheirateten Onkel kuscheln wollte – als er mir zu nahe kam, habe ich ihn gekratzt. Die Familie war empört. (Ich bin es bis heute immer noch.) Und das kratzbürstige Verhalten habe ich mir bewahrt – gegen Kollegen, Freunde, flüchtige Bekannte auf der Straße. Nicht unbedingt körperlich, vor allem verbal bin ich wehrig und gelte als „anstrengend“ oder „streitbar“. Einige Kollegen haben, Gerüchten zufolge, Angst vor mir. Und sogar mein Partner leidet gelegentlich. Dabei finde ich es nur logisch, dass ich sage, was ich will (und nicht will!) – schließlich können Männer doch keine Gedanken lesen? ^^

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