„Jetzt sei mal nicht so bockig!“ von Reizüberflutung bei #ADHS

Worunter ich als ADHS Person schon manchmal leide ist das Zusammenspiel von meinen Gefühlen, meinem damit verbundenen Verhalten und der Verständnislosigkeit der Umgebung.

Wenn ich längere Zeit einer stressigen und lauten Situation ausgesetzt bin, dann ist mein Gehirn davon irgendwann überlastet, weil es Eindrücke schlecht filtern kann und viele Geräusche und Gespräche für mich dann immer stressiger und unangenehmer werden, dass sie mir irgendwann fast körperlich weh tun. Das ist nicht übertrieben. Es baut sich eine innere Anspannung auf, die ich bis in die Fingerspitzen spüre. Und vor allem werde ich sauer. Also nicht richtig sauer oder wütend, aber ich reagiere irgendwann patzig, weil ich überfordert bin.

Bei unseren traditionellen Familienfrühstücken samstagsmorgens passiert mir das oft. Wir sind 6(+x) Leute, wir sind alle ziemlich laut, ausreden lassen ist nicht unsere Stärke, Gespräche laufen bisher eher über ‚wer am lautesten ist‘.

Zunächst kann ich das auch ganz gut mitmachen, kann mitreden und hab genauso viel Spaß wie alle anderen. Nur die Reizüberflutung baut sich allmählich auf, wie ein Gefäß was mit Geräuschen und Eindrücken gefüllt wird. Irgendwann werde ich dann stiller weil ich damit beschäftigt bin Reize noch in das Gefäß reinzustopfen und sie irgendwie noch unterzukriegen.

Aber irgendwann funktioniert das auch nicht mehr und genau das ist dann der Punkt an dem mir der Lärmpegel und Eindrücke körperlich weh tun und das Gefäß überläuft. Dann fahre ich oft die anderen Menschen an, sie sollen doch einfach mal still sein oder verziehe mich grummelnd in ein anderes Zimmer.

Für die anderen anwesenden Menschen ist das natürlich in sofern ein Problem, als dass sie nicht wissen warum ich jetzt wütend oder ärgerlich wirke. Grade war ich noch gut gelaunt und habe mitgeplaudert, und plötzlich pöbele ich rum.

Da hilft es dann auch nicht, wenn dann jemand sagt „Warum bist du denn jetzt so sauer?“ oder „Jetzt reg dich mal ab!“ oder sogar über mein Verhalten lacht. Denn eigentlich habe ich ja tatsächlich keinen Grund sauer zu sein und kann ich mich nicht erklären. Sich in einem Zustand von Reizüberflutung und Überforderung auch noch durch Fragen in die Ecke gedrängt zu fühlen macht die Situation natürlich noch einmal schwieriger, weil so immer mehr auf mich einprasselt auf mein ohnehin schon überlaufendes imaginäres Eindrucksgefäß.

So können Streitsituationen entstehen, die weder ich noch mein Gegenüber so richtig erklären können.

Natürlich ist das innerhalb einer Familie – oder sagen wir innerhalb MEINER Familie – eine weniger schlimme Sache. Wir kennen uns. Wir kennen unsere Eigenheiten. Solche Situationen arten nicht in ernstlichen Streit aus.

Allerdings muss ich mich in anderen Situationen natürlich viel mehr zusammenreißen. Ich arbeite in einem Großraumbüro. Da passiert es auch an manchen Tagen, dass mein Eindrucksgefäß vollläuft. Dort muss ich mich natürlich viel mehr zusammenreißen, weil ich meine Kollegen nicht einfach unbegründet anraunzen kann. Die haben dafür nämlich kein Verständnis. Und in einem Supermarkt random Leute anzupöbeln kommt auch nicht so gut.

Im Büro gehe ich dann einfach ein paar Minuten auf Toilette. Dort ist es nämlich ruhig und nach ein paar Minuten Stille ist das Eindrucksgefäß auch schon wieder auf ein Level abgesunken, das es wieder aufnahmefähig macht, zumindest in einem gewissen Maße.

Wobei diese Situationen zum Glück mit dem Einsatz von Medikinet auch weniger geworden sind. Oder erträglicher. Ich kann die Eindrücke aus meiner Umwelt besser filtern und sie strömen nicht unkontrolliert auf mich ein.

Eins noch: Ich weiß, dass auch Menschen mitlesen, deren Kinder ADHS haben.

Bei all den Situationen, die ich beschreibe, müsst ihr beachten, dass ich erwachsen bin. Ich merke ich bin überfordert und verhalte mich manchmal trotzdem nicht angemessen. Aber ich kann ich selber reflektieren. Mir ist das furchtbar unangenehm, wenn ‚es‘ mir trotzdem mal wieder passiert, aber ich weiß mittlerweile woran das liegt, kann es einschätzen und habe mich dann einigermaßen schnell wieder im Griff.

Ich weiß aber, dass ich das als Kind natürlich nicht so gut konnte. Und dann wurde mir manchmal vorgeworfen bockig zu sein. Ich habe mich dann schlecht gefühlt, weil ich wusste, dass ich mich falsch verhalten habe, konnte aber nicht wirklich etwas an dem Verhalten ändern, weil mir und meiner Umwelt die Ursachen nicht bewusst waren. Und als Kind kann man auch nicht so gut formulieren, warum man jetzt grade wütend wird obwohl niemand gemein zu einem war.

Wenn euren Kindern also ähnliche Situationen passieren, dann nehmt es ihnen bitte nicht übel. Dann schaut, ob ihr sie aus der Situation, die sie überfordert, herausnehmen könnt. Und besprecht vielleicht hinterher, woran es jetzt lag, dass alles zu viel war. Vor allem: Redet nicht auf sie ein. Einreden, Redefluss, womöglich Vorwürfe, das sind alles Dinge, die so ein Eindrucksgefäß immer nur noch weiter zum überlaufen bringen.

Überhaupt bringen Vorwürfe nichts. Man fühlt sich sowieso schon schlecht, weil man sich wieder unangemessen verhält und nichts dagegen tun kann. Das zerrt am Selbstbewusstsein, man zweifelt irgendwann an sich selbst.

Kinder meinen das nicht böse. Erwachsene auch nicht. Aber Kinder können sich viel weniger selbst reflektieren als Erwachsene.

Eure Kinder machen das nicht aus Boshaftigkeit, wenn sie sich unangemessen verhalten, sie wollen euch nicht damit ärgern. Das ist das wichtigste, was ich euch zu sagen habe. Weil ich schon so oft gelesen und gehört habe, dass Eltern ihre Kinder mit ADHS für gemeine Menschen halten, die sie absichtlich auf die Palme bringen wollen. Das ist nicht so. Kinder mit ADHS sind genauso gute oder schlechte Menschen wie alle anderen, nur ihr Hirn tickt etwas anders und das führt zu anderen Reaktionen.

Aber man kann daran arbeiten und man kann Strategien finden und Ritalin hilft da auch. Es kann alles besser werden. Aber nicht mit Vorwürfen und Liebesentzug.

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