#ADHS: Wem habe ich von der Diagnose erzählt?

Mit einer ADHS Diagnose stellt sich eine große Frage: Wem erzähle ich davon?
Erzähle ich meinen Kollegen auf der Arbeit von meiner Diagnose? Sollte mein Chef davon wissen? Wie ist es im Freundeskreis?

Jede*r Betroffene weiß, wie viele blöde Vorurteile es gibt.
Ist das nicht nur eine Kleine-Jungen-Krankheit? Wir sind doch nur faul. Wir gucken einfach nur zu viel Fernsehen und daddeln zu viel auf unserem Handy herum. Wir geben uns nicht genug Mühe. Wir wollen doch nur eine Ausrede haben, warum wir unser Leben nicht auf die Reihe bekommen. Nimm aber bitte bloß keine Medikamente! Und außerdem: Du bist hyperaktiv? Du wirkst gar nicht so!

Alles zig mal gehört.
Es ist aber auch verständlicherweise schwer sich in das Innenleben eines Menschen mit ADHS hineinzuversetzen, wenn man nicht selbst ‚drin steckt‘. Ich merke das immer wieder: Menschen mit ADHS, die meine Blogposts lesen sagen „Geht mir ganz genauso!“ und Menschen ohne dann eher „Uff, das ist ja krass, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen!“

Aber okay, ich frage mich ja auch, wie es im Hirn eines/einer Neurotypischen aussieht. Fühlt sich das so ähnlich an, wie wenn ich Medikinet genommen habe? Oder nochmal ganz anders? Ich habe ja keine Vergleichsmöglichkeiten.
Denn, im Gegensatz zu dem, was manche ‚Erziehungsexperten‘ behaupten, wird ADHS nicht von zu viel Medienkonsum ausgelöst, sondern ich habe das schon mein ganzes Leben. Die reizüberflutete, mediale Welt löst höchstens stärkere Symptome aus, denn ich habe ja Schwierigkeiten mit der Reizfilterung. Aber ADHS habe ich schon immer, auch wenn ich erst mit 31 diagnostiziert wurde. Ich bin schon immer so. Ich werde auch immer so sein.

Ich denke, wenn man anderen Menschen von diese Diagnose erzählt, dann ist es auch immer eine Sache des Vertrauens und wie gut man den anderen kennt.

In meinem Team auf der Arbeit wissen alle davon.
Ein Grund die Diagnostik in Angriff zu nehmen war unter anderem, dass ich von meinem Chef die Rückmeldung bekommen habe, dass ich viele Flüchtigkeitsfehler mache und meine Arbeitsqualität leidet. Als mein Ersttermin kurz bevor stand, habe ich ihm dann auch erzählt, welchen Verdacht ich in Hinblick auf meine Konzentrationsprobleme habe und er fand es gut, dass ich das mache.
Und seit der Diagnose und seitdem ich Medikamente nehme hat sich auch meine Arbeitsqualität und meine Konzentration verbessert.

Auch mit meinen anderen Kollegen im Team habe ich grundsätzlich gute Erfahrungen gemacht. Einige fanden es nicht sonderlich spannend und haben es einfach hingenommen, andere haben nachgefragt und sich erklären lassen, wie ich Reize wahrnehme.
Mindestens ein Kollege kann mittlerweile quasi sogar sagen, ob ich meine Pillen genommen habe oder nicht. Könnte aber daran liegen, dass er neben mir sitzt und meine Launen ertragen muss. Er nimmt mich aber auch schon mal aus der Schusslinie, wenn er merkt, dass ich grade gestresst und reizüberflutet bin. Das empfinde ich aber auch als wirklich großen Glücksfall, der viel zu meinem Wohlbefinden im Büro beiträgt.

Gute Erfahrungen habe ich auch kürzlich gemacht, als ich meinem Fahrlehrer die Problematik geschildert habe. Ich mache grade den Führerschein und habe in Situationen, in denen ich viele Dinge gleichzeitig machen und beachten muss, immer noch so meine Probleme. Und obwohl mein Fahrlehrer immer mehr so der Typ Macker und Schnacker ist, hat er mich sehr positiv überrascht, als er das völlig ernst genommen hat und interessiert nachfragte. Aber offenbar war ich da auch nicht die erste Betroffene, mit der er zu tun hatte. Wieder eine positive Erfahrung.

Grundsätzlich will ich aber nicht jeden mit meiner ADHS Diagnose nerven. Auf Twitter schreibe ich bisweilen darüber, weil mir auch andere Betroffene folgen und es auf Interesse stößt. Im Alltag muss ich aber nicht überall rumlaufen und sagen „Hier, ich bin Maja und ich habe ADHS!“
Ich definiere mich ja nicht über diese vier Buchstaben. Meine Persönlichkeit wird sicherlich auch davon beeinflusst. Meine Emotionalität, dass ich mich schnell für Dinge begeistern kann, dass ich mich schnell aufrege, dass ich lieber an Orten bin, an denen nicht zu viele Menschen sind, aber absolute Ruhe auch nicht ertrage, dass ich um Ecken denke, die andere manchmal nicht verstehen und so weiter und so fort.

Aber das sind alles Dinge, die vielleicht dazu führen, dass manche Menschen vielleicht wahrnehmen, dass ich irgendwie ‚anders‘ oder ’nerdig‘ bin, die aber jetzt nicht direkt bei jedem zu einem totalen Problem werden. Die meisten nehmen mich halt als fröhliche und manchmal verpeilte und chaotische Person wahr. Das ist aber ja kein Krankheitsbild, sondern Individualität und ja womöglich nicht einmal unsympathisch.

Ich denke, über eine konkrete Thematisierung der Diagnose würde ich in Alltagssituationen erst nachdenken, wenn es wirklich zu Problemen kommt. Wenn mir meine Probleme mit der Reizfilterung beispielsweise wirklich im Wege stehen. Etwa in einer sehr lauten, chaotischen Umgebung in der ich irgendwann Reizüberflutet und genervt bin und dann auf Menschen ‚falsch‘ oder ’nicht angemessen‘ reagiere, obwohl sie mir nichts getan haben.
Dann finde ich es hilfreich sagen zu können „Es ist mir grade zu laut/voll/chaotisch hier, weil…“ anstatt einfach den Eindruck zu hinterlassen ich sei unhöflich.

Wenn ich dann Glück habe, stoße ich auf Menschen, die das verstehen.
Letztendlich bin ich bisher mit Offenheit am besten gefahren, denn nur so kann man auch Vorurteile und falsche Informationen über ADHS aus der Welt schaffen. Denn wir sind ja nicht krank, wir sind nicht ansteckend, wir sind nicht gefährlich… wir ticken nur in manchen Dingen ein bisschen anders als der Durchschnitt.

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